00:06
Verbrechen von nebenan. True Crime aus der Nachbarschaft. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Verbrechen von nebenan. Und hallo Louis Bauer.
00:23
Hi, servus. Ich freue mich, dass ich hier sein kann.
00:27
Ja, sehr gerne erstmal. Danke, dass du die Einladung angenommen hast. Wir wollten ja schon länger eine Folge zusammen machen, unter anderem, weil ich deinen Job so spannend finde. Du bist nämlich Bestatter.
00:39
Das ist total korrekt, ja. Ja, und das, ja, man könnte sagen familienbedingt. Du bist sozusagen zwischen Toten aufgewachsen, weil deine Familie betreibt ein Bestattungsinstitut in Franken. Man hört es vielleicht auch schon so ein bisschen, wie du das R rollst, wo du herkommst. Und du bist außerdem bei Social Media sehr aktiv und gerade ist dein erstes Buch Bestatters Diary erschienen. Da erklärst du den Menschen, wie es vor, bei und nach einer Beerdigung hinter den Kulissen abläuft. Direkt so zum Einstieg die Frage, warum ist es dir so wichtig, die Menschen über den Tod und über Bestattungen aufzuklären?
01:14
Das ist eine spannende Frage. Ich glaube einfach, das ist der wichtigste Punkt bei allem. Jeder wird irgendwann in der Kiste liegen. Da kommt keiner vorbei. Und wenn ich das sage, dann ist es logisch. Das weißt du, das weiß ich, das weiß jeder. Trotzdem haben es die manchen, glaube ich, nicht so greifbar auf dem Schirm und wissen nicht, wie es dann wirklich weitergeht, was da wirklich abgeht hinter den Kulissen. Und das ist so, glaube ich, dieser Grund auch, warum ich das so ganz aktiv mache, darüber aufkläre, Und ja, diese Tabus eben beseitigen, das Thema aus der verstaubten Ecke rausholen eben, seit langem jetzt in den Videos schon und jetzt ganz aktuell eben auch, du hast das schon angesprochen, in dem Buch halt eben Bestatter's Diary und noch, genau, im Podcast mache ich auch noch mit meinem Vater zusammen um Leben und Tod und das sind einfach so Medien, die wir nutzen zum Aufklären, weil du glaubst gar nicht, was alles so abgeht hinter den Kulissen, was halt niemand auf dem Schirm hat einfach.
02:08
Ja, ein paar Sachen werden wir heute auch noch ansprechen, da kommen wir später noch zu. Aber bevor wir jetzt in die Folge starten, habe ich auch gerade noch eine Ankündigung zu machen. Und die betrifft vor allem die Leute, die diesen Podcast jetzt bei RTL Plus hören, weil da kriegt der Verbrechen von nebenan ja immer schon zwei Wochen vor allen anderen. Deshalb jetzt für euch, stell dir jetzt einen Trommelwirbel vor, Louis, ihr könnt mich bald nicht nur hören bei RTL, sondern auch sehen. Und zwar bei die Verräter. Kennst du die Verräter? Schon mal gehört, ja?
02:39
Ja, es ist ein wahnsinnig tolles Format, geht jetzt in die vierte Staffel und ich weiß, dass ich damals, als ich die erste Staffel gesehen habe, gedacht habe, da will ich unbedingt dabei sein und jetzt bin ich dabei. War mal was ganz, ganz anderes, richtig krasse Erfahrung, also ich glaube... Das ist somit das Krasseste, was ich je gemacht habe. Und ihr könnt euch das angucken ab dem 3. August beim RTL. Und ihr könnt es auch natürlich bei Instagram nachverfolgen. Ad Philipp Fleiter heiße ich da. Also es ist vielleicht eh ganz gut, wenn ihr mir da folgt, wenn ihr wissen wollt, wer dieser Typ eigentlich ist aus dem Podcast.
03:11
Damit sind wir aber schon durch mit den ganzen Ansagen und mit dem Werbeblock. Wir wollen heute nicht nur über einen Fall sprechen, sondern über zwei Fragen. Und eine Inhaltswarnung gibt es natürlich trotzdem. In dieser Folge geht es um Mord, um Missbrauch an Kindern und es geht um Nekrophilie. Also das Thema und auch die Details, über die wir teilweise sprechen, sind wirklich krass. Es ist definitiv keine Folge, die man beim Frühstück oder beim Mittagessen hören sollte. Die meisten Namen habe ich übrigens geändert.
03:42
Luis, bist du bereit?
03:46
Ich glaube, so bereit, wie man für dieses Thema sein kann, ich bin auf jeden Fall gespannt. Ich sage mal Jein, leg los.
03:53
Okay, das habe ich auch noch nie gehört, aber wir fangen jetzt einfach mal an mit dem Thema und mit dem ersten Fall.
04:02
Der 20. Juli 1965 beginnt für die elfjährige Renate Böhm wie fast alle Tage in den Sommerferien. Renate lebt mit ihrem jüngeren Bruder, ihrer neugeborenen Schwester und ihren Eltern in einer kleinen Wohnung in der Finstertorstraße in Görlitz am Rande des Nikolai-Friedhofs. Damals leben in der Stadt an der polnischen Grenze etwas weniger als 100.000 Menschen. Obwohl sie keine Schule hat, ist Renate an diesem Dienstagmorgen schon früh auf den Beinen.
04:33
Wie viele Kinder in der DDR nutzt sie die acht Wochen Sommerferien, um sich etwas dazu zu verdienen. Ihre Eltern haben selbst nicht viel. Ihr Vater arbeitet als Kesselreiniger. Und ihre Mutter jobbt als Putzfrau. Jede Mark zählt. Deshalb hat Renate es eilig, vom gemeinsamen Frühstückstisch mit ihrer Familie aufzustehen. Ihre Freundin Ulla wartet sich ja schon, wie verabredet, am Brunnen vor der Schule. Schnell zieht Renate den roten Pullover an, der so schön zu ihrem Leinrock passt, schlüpft in ihre blauen Schuhe aus Segeltuch, schnappt sich eine Kunststofftasche und das große Einkaufsnetz aus Stoff, und verabschiedet sich gegen 8.45 Uhr von ihrer Familie.
05:16
Ulla und sie wollen Altkleider, Papier und Glas sammeln gehen, um den Abfall später für ein paar Mark an der örtlichen Sammelstelle abzugeben. Die Mädchen teilen sich auf und klingeln an Türen im ganzen Viertel. Renate beginnt bei ihren Nachbarn in der Finstertorstraße und will alle Straßen um den Friedhof bis auf die andere Seite des Hügels abgehen. Sie ist ein fröhliches und aufgeschlossenes Mädchen, das keine Angst hat, andere Menschen anzusprechen. Man musste sie gern haben, das Mädel, erinnert sich Jahrzehnte später eine ehemalige Nachbarin an sie.
05:50
Und bisher war Renate ziemlich erfolgreich. Gestern hat sie beim Sammeln ganze 5 Mark verdient. Wenn das so weitergeht, kann sie sich bald endlich ihr neues Fahrrad leisten, das sie sich schon so lange wünscht.
06:03
Voller Freude geht die Elfjährige immer an der roten Backsteinmauer des Friedhofs entlang und klingelt an fast allen umliegenden Häusern. Höflich fragt sie dort nach Kleidern oder Altglas, meist mit Erfolg. Bereits nach einer Stunde hat sie schon einiges zusammen, was sie später zu Geld machen kann. Renate biegt in den Obersteinweg ein, der an die andere Seite des Friedhofs grenzt. Am Ende der Kopfsteinpflasterstraße steht ein kleines Haus aus Feldstein. Renate geht direkt darauf zu.
06:35
Das kleine Haus mit dem schiefen Dach und der morschen Holztür grenzt direkt an die Friedhofsmauer. Es gehört der Friedhofsverwaltung. Renate war gestern schon mal hier. Der Bewohner des Hauses hat ihr ein Stapel Zeitungen versprochen, die sie heute abholen kann. Die Tür des Häuschens hat keine Klinge, also klopft das Mädchen laut dagegen. Von drinnen ist eine leise Stimme zu hören. Renate betritt die dunkle Wohnung. In dem kleinen Raum riecht es nach Alkohol und zahllosen Karo-Zigaretten.
07:09
Ein kleines Bett steht in der Ecke, darauf sitzt ein schmächtiger Mann Mitte 30. Renate fragt ihn nach der versprochenen Zeitung und tatsächlich steht der Mann auf, schlurft durch den Vorhang, der den Schlafraum von der Küche trennt und streckt sich zum Regal. Renate folgt ihm und bemerkt plötzlich, dass der Mann vor ihr anfängt zu zucken. Dann dreht er sich langsam zu ihr um.
07:36
Onkel, warum zitterst du so, fragt Renate noch, dann wird alles um sie herum schwarz.
07:45
Das hört sich irgendwie gruselig an, finde ich. Also du hast gerade gesagt Onkel.
07:53
Okay.
07:55
Also vielleicht zur Erklärung, du bist ja ein bisschen jünger als ich. Früher hat man zu fremden Männern und Frauen oder so aus der Nachbarschaft Onkel und Tante gesagt. Oh, ah, okay. Also kein verwandtschaftliches Verhältnis. Also ich kann mich auch noch daran erinnern, wenn dann die Nachbarin kam, hat meine Oma immer gesagt, geh doch mal zu der Tante. Also das war irgendwie, ja, wie eine Art, wie Kinder Erwachsene ansprechen, macht man heute aus Gründen nicht mehr.
08:24
Ja, nee, macht total Sinn, aber ich finde irgendwie, dieses Zittern, ja, und dann, dass es danach um sie herum schwarz wird, das...
08:36
Finde ich auf der einen Seite, der hört sich ein bisschen so gruselig an, aber passt für mich gerade im Kopf auch nur nicht so ganz zusammen.
08:41
Also, weißt du, was ich meine? Ja, vielleicht passt es zusammen, wenn wir später nochmal dazu kommen. Also, ich kann dir erstmal erzählen, wie es weitergeht. Ja, auf jeden Fall. Also als Renate an diesem Tag nicht nach Hause kommt und auch bei Ulla nicht auftaucht, machen sich natürlich alle große Sorgen. Die Elfjährige gilt als zuverlässig. Deshalb ist den Böhms direkt klar, dass irgendetwas passiert sein muss. Noch am selben Tag machen sich Renates Vater und ihr Bruder in der Nachbarschaft auf die Suche.
09:15
Doch niemand hat das Mädchen gesehen. Also geht Renates Vater am nächsten Tag zur Polizei und meldet seine Tochter als vermisst. Den Fall übernimmt der erfahrene Hauptmann Klaus Warnke vom Volkspolizeikreisamt Görlitz. Dieser versucht erstmal Renates Eltern zu beruhigen. Vielleicht hat das Kind bei einer Freundin übernachtet und hat die Zeit vergessen. Schließlich sind Sommerferien. Sofort beginnen Beamte der Volkspolizei mit der Suche nach der Elfjährigen, befragen Nachbarn und Freunde.
09:46
Renates Vater hatte ausgesagt, dass seine Tochter am Tag ihres Verschwindens noch zu einem alten Mann wollte, um Müll abzuholen. Doch wo der genau wohnt und wer der Mann ist, weiß er nicht. Die Polizisten klingeln an allen Häusern, durchkämmen die Straßen und auch den Nikolai-Friedhof, aber ohne Erfolg. Zwar gibt es Zeugen, die das Mädchen gesehen haben, Aber niemand hat mitbekommen, wohin Renate ging. Hauptmann Warnke glaubt längst nicht mehr, dass Renate freiwillig verschwunden ist.
10:16
Aber das kann er nicht so offen sagen. Ein Mordverdacht könnte die Bevölkerung verunsichern. Da muss er als Volkspolizist genau überlegen, was er sagt. Und so erscheint in der Tageszeitung Neues Deutschlands kurz nach Renates Verschwinden nur eine winzige Vermisstenmeldung. Mittlerweile ist mehr als eine Woche vergangen und Renate ist immer noch wie vom Erdboden verschluckt. Eine Nachbarin hat gesehen, wie sie am Tag ihres Verschwindens in den Obersteinweg abgebogen ist.
10:48
Danach verliert sich ihre Spur. Mittlerweile hat die Polizei zusammen mit der örtlichen Feuerwehr den Tümpel im Ölbergpark abpumpen lassen. Doch außer alten Reifen und Müll haben sie nichts gefunden. Hauptmann Klaus Warnke und seine Ermittler stehen unter großem Druck. Jeden Morgen erkundigt sich die Bezirksleitung aus Dresden nach dem Stand der Ermittlungen und jeden Tag kommen Renates Eltern in sein Büro und hoffen auf gute Nachrichten. Doch Warnke muss beide Seiten enttäuschen.
11:18
Neun Tage nach Renates Verschwinden, am 29. Juli 1965, durchsuchen er und seine Kollegen mit einem Pferdensuchhund den Nikolai-Friedhof. Systematisch laufen die Ermittler mit Spurhund Brando den Friedhof ab. Jede offene Gruft, jede lose Grabplatte, wo man einen Körper verstecken könnte, wird untersucht.
11:39
Doch dann plötzlich schlägt Brando an einer alten, längst eingestürzten Gruft an, die nicht viel mehr ist als eine zugewucherte Delle im Friedhofsboden. Die Gruft war so eingefallen, dass man nicht hineinkriechen konnte, das wäre lebensgefährlich gewesen, erinnert sich einer der Ermittler von damals.
11:58
Hier endet die Spur direkt an der Friedhofsmauer. Warnke und die anderen Ermittler sind, wortwörtlich, in einer Sackgasse. Doch dann kommt Hilfe von außen. Die Morduntersuchungskommission der Bezirkshauptstadt Dresden schaltet sich ein und schickt drei Kollegen nach Görnitz.
12:17
Noch einmal gehen die Beamten den Stand der Ermittlungen durch. Die einzige Spur führt zum Nikolai-Friedhof, doch den haben die Ermittler schon durchsucht. Und auch die Kleinkriminellen und Trinker, die sich auf dem Friedhof in dieser Zeit oft treffen, haben für die Zeit von Renates Verschwinden ein Alibi.
12:35
Erst einer der Kollegen aus Dresden kommt auf die Idee, einen Leichenspürhund einzusetzen. Hauptmann Warnke wird still, als er diesen Vorschlag hört. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Das liegt aber auch daran, dass damals zwar schon Fährten-Suchhunde eingesetzt wurden, das habe ich ja gerade erzählt, aber Hunde, die speziell auf Leichengeruch trainiert sind, die sind Mitte der 60er Jahre in der DDR noch etwas komplett Neues.
13:03
Und, dann kommt noch was dazu, der Einsatz eines solchen Leichenspürhundes, der bringt auch ein weiteres Problem mit sich.
13:12
Kannst du dir vorstellen, welches? Naja, ja, damit verschiebt sich ja so ein bisschen das, wonach man sucht, würde ich jetzt mal so sagen, oder? Also, ja. Ich finde, während du das gerade so erzählt hast, da kommt so richtig rüber wie...
13:29
wie mehr und mehr aussichtslos diese Situation irgendwie da wird bei denen. Und was ich auch ganz klar dazu sagen muss, auch auf Seiten der Familie. Und wenn sich jetzt dann auch noch jemand dazu tut namens Leichenspürhund, dann ist es natürlich schwierig.
13:46
Ja, genau das ist es eigentlich. Die Ermittler gestehen sich sozusagen ein, dass sie nicht mehr nach einem lebenden Mädchen, sondern nach einer Leiche suchen. Und so durchsuchen am 31. Juli zwei Leichenspürhunde aus Dresden den Nikolai Friedhof. Die Ermittler merken aber nicht, dass sie bei ihrer Suche die ganze Zeit beobachtet werden.
14:10
Beide Hunde schlagen an der eingefallenen Gruft an, genauso wie kurz vorher Fährtenhund Brando. Sorgfältig werden die Überreste der Gruft untersucht. Die Ermittler leuchten mit ihrer Taschenlampe in jede Ecke des Lochs. Aber die Gruft ist leer. Hauptmann Warnke wundert sich. »Kann der Hund sich irren?«, fragt er den Hundeführer. »Schließlich gibt es auf Friedhöfen viele Leichen, also es liegt ja in der Natur der Sache, auf diesem hier sogar seit mehreren hundert Jahren.
14:40
Aber schnell finden die Ermittler heraus, dass die Gruft direkt an die Friedhofsmauer grenzt. Und auf der anderen Seite steht im Obersteinweg 16 ein kleines Feldsteinhaus.« Der Obersteinweg, das ist doch die Straße, in die Renate eingebogen ist, bevor sie verschwand, denkt sich Hauptmann Warnke. In dem Haus auf der anderen Seite der Mauer, das der Friedhofsverwaltung gehört, lebt der ehemalige Friedhofswärter Kuno Peschel. Warnke kennt den 34-Jährigen, er ist einer der Problemfälle in seinem Revier.
15:16
Kuno Peschel ist der Polizei bekannt, er fällt immer wieder durch Trunkenheit oder durch kleinere Schlägereien auf.
15:23
Mittlerweile hat sich in Görlitz herumgesprochen, dass die kleine Renate wahrscheinlich ermordet wurde. Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr aus dem Haus. Auf den Kopfsteinpflastergassen macht sich die Angst breit. Am 4. August, also zwei Wochen nachdem Renate verschwunden ist, meldet sich eine Nachbarin bei der Görlitzer Polizei, die etwas Verdächtiges beobachtet hat. Am Morgen nach Renates Verschwinden hat sie ihren Nachbarn mit einem großen, schweren Koffer die Treppe zum Friedhof hinaufsteigen sehen.
15:56
Das kam mir komisch vor, erinnert sich die Zeugin, Jahrzehnte später in einem Interview mit dem MDR. Ich dachte mir, wenn er die Renate wirklich hat, dann hat er sie vielleicht ermordet und zerstückelt.
16:09
Der Name des Nachbarn, Kuno Peschel. Spätestens jetzt haben die Ermittler also einen Verdächtigen und versuchen, so viel wie möglich über den 34-Jährigen in Erfahrung zu bringen. Früher hat Peschel als Friedhofswärter gearbeitet. Er muss also wissen, dass die Gruft, an der die Hunde angeschlagen haben, bald zugeschüttet werden soll. Nachbarn erzählen den Ermittlern, dass Kuno Peschel schon seit einiger Zeit keinen geregelten Job mehr hat, und stattdessen in seinem baufälligen Haus wirre Experimente veranstaltet.
16:41
Ein ganz fieser Typ. Rücksichtslos, gemein, brutal, beschreibt ihn einer der damaligen Ermittler. Und so machen sich Hauptmann Warnke und seine Kollegen am 5. August auf den Weg in den Obersteinweg. In dem kleinen heruntergekommenen Feldsteinhaus mit der Nummer 16 am Ende der Einbahnstraße waren sie bereits am Anfang ihrer Ermittlung und haben Kuno Peschel auch befragt.
17:05
Als die Ermittler gegen 14.30 Uhr an der Wohnungstür klopfen, ist erst nichts zu hören. Dann klirren Flaschen und die Tür öffnet sich einen Spalt. Das blasse Gesicht mit den strähnigen Haaren schaut die Ermittler müde an.
17:20
Kuno Peschel lässt sich widerstandslos festnehmen. Doch bei seiner Vernehmung im Volkspolizeikreisamt Görlitz schweigt Peschel stundenlang. Also schickt man Ermittler in Peschels Wohnung, um nochmal alles zu durchsuchen. Irgendetwas müssen sie übersehen haben. Also die haben einfach zu dem Zeitpunkt bis auf die Zeugenaussage nichts in der Hand. Er sagt nichts, sie haben in der Wohnung nichts gefunden, aber irgendwie sind sie sich doch sicher, dass da mehr sein muss.
17:51
Durch ein kleines Fenster mit gerissener Scheibe fällt schummriges Licht in den kleinen Raum. Die Wohnung ist drinnen genauso verwahrlost wie ihr Bewohner. Überall liegt Dreck und Müll. In der Ecke steht ein altes Klappsofa, darauf eine mit Kot und anderem Dreck verschmierte Decke. Es stinkt nach Zigaretten, Essig und noch nach etwas anderem Süßlichen. Der Kriminaltechniker arbeitet sich langsam zur Quelle des Geruchs vor, durch den Vorhang in eine kleine Küchenecke.
18:26
Hier steht ein grob zusammengezimmerter Küchenschrank aus Holz. Unter der Kommode sieht man lose Bretter.
18:35
Die Ermittler rücken den schweren Schrank an die Seite und stemmen die Bodenbretter auf. Staub und Sand wirbeln durch die Luft und der Gestank wird fast unerträglich. Unter den Brettern entdecken sie ein Loch, das aussieht wie der Rest eines eingefallenen Tunnels. In der Grube sehen die Ermittler etwas, das noch viel schlimmer ist als der süßliche Geruch.
18:57
»Sobald ich die Augen zumache, sehe ich das wieder vor mir«, erinnert sich einer der Ermittler später. »Ich werde das nie vergessen.« »Es ist ein kleines Mädchen, die Beine angewinkelt und die Arme eng am Körper, eingeschnürt in einem Seil wie ein kleines Paket.« Direkt hinter dem kleinen Körper befindet sich ein kleines Belüftungsloch, das auf der anderen Seite der Friedhofsmauer zu der eingestürzten Gruft führt. Durch dieses Loch hatten die Hunde den Verwesungsgeruch gewittert. Das tote Mädchen trägt einen roten Pullover.
19:28
Ihre Unterhose liegt zusammen mit einem Einkaufsnetz neben ihr. Von ihrem Gesicht ist kaum noch etwas übrig. Aber für die Ermittler besteht kein Zweifel. Sie haben Renate Böhm gefunden.
19:40
Puh.
19:43
Also das ist erstmal natürlich total heftig und wenn man sowas sieht mit eigenen Augen, du hast es ja gerade schon gemeint, der Ermittler, der sieht es trotzdem heute auch noch vor sich, sowas brennt sich einfach ins Gehirn ein und das Spannende bei sowas ist, ist trotzdem, dass es so ein Horror auf der einen Seite ist natürlich, ja, das ist ganz klar. Aber auf der anderen Seite glaube ich auch, wie so eine, ja, Erlösung ist vielleicht das falsche Wort, ja, aber diese Endlosschleife, dieses im Kreis drehen, auch für die Familie, ja, auf beiden Seiten, das hat halt mit diesem Horrorfund jetzt einfach ein Ende.
20:30
Das macht es nicht ungeschehen, aber das ist trotzdem auch auf beiden Seiten irgendwie.
20:35
Also super heftig und ich frage mich jetzt aber eigentlich direkt, also gibt der das jetzt dann direkt zu? Also jetzt ist ja die Sache eigentlich mehr oder weniger klar.
20:46
Voll, die Sache scheint klar zu sein, aber bevor ich dir das beantworte, ist mir gerade noch spontane Frage an dich eingefallen, weil du hast ja beruflich täglich mit dem Tod zu tun. Gibt es da auch Sachen, die so schlimm sind, dass du die nicht vergessen kannst?
21:00
Ja, auf jeden Fall. Also gerade so einen Fall, wie du ihn hier gerade erzählst, so eins zu eins hatte ich ihn natürlich nicht, aber auf jeden Fall Bilder, die mit sowas vergleichbar sind. Also sei es irgendwie Unfälle, einfach ganz allgemein, wenn der Körper in einem sehr brutalen, schlimmen Zustand ist und du hast das eigentlich da perfekt hier wiedergegeben oder auch vom Ermittler eben, das brennt sich einfach in den Kopf ein und das vergisst man nicht.
21:29
Also du hast auch immer natürlich Sachen im Kopf, da gibt es auch keine Methode, in Anführungsstrichen, wie man sowas vergessen kann?
21:35
Nee, aber ich glaube, es geht auch nicht darum, das zu vergessen, sondern es geht darum, wie du damit umgehst. Das ist der ganz entscheidende Punkt, ja. Weil, also es gehört halt einfach nun mal dazu, es passieren Dinge, es passieren sehr schlimme Dinge, wie man auch in diesem Fall sieht, ja. Und es gibt halt diese Leute, seien es die Ermittler oder Bestatter, die dann damit eben zu tun haben. Und Man muss es irgendwie schaffen, da eine Grenze trotzdem noch zwischen zu haben, so heftig das ist und dann irgendwie so einen Umgang damit zu finden. Ja, so ist das eher.
22:07
Ja, spannend. Das ist ja in vielen Jobs so. Du hast es gerade gesagt, Ermittler, Bestatter, aber auch Ärzte sehen ja ganz oft ganz, ganz schlimme Sachen. Aber du hattest nicht ja gefragt, ob der Kuno Peschel jetzt alles zugibt. Und ich muss leider sagen, nein, der schweigt weiterhin. Ja. Er bestätigt in seiner Vernehmung nur, dass Renate schon am Montag, also am Tag bevor ihrem Verschwinden bei ihm war und nach Altkleidern gefragt hat. Ihm sei es aber nicht so gut gegangen, deshalb habe er das Mädchen weggeschickt. Mehr sagt Peschel nicht.
22:38
Am nächsten Tag wird seine Ex-Frau zur Befragung eingeladen. Also man versucht natürlich mehr über ihn herauszufinden. Irmgard Peschel war jahrelang mit Kuno verheiratet. Die beiden haben drei gemeinsame Kinder. Doch Irmgard erzählt den Ermittlern nicht nur von ihrer schwierigen Ehe und dem Alkoholproblem ihres Mannes, sondern gibt auch Einblick in eine Seite von Kuno Peschel, die selbst die erfahrenen Ermittler schockiert. Wenn er im Bett nicht bekommen hat, was er wollte, hat er mich gewürgt.
23:08
Je fester er zudrückte, desto erregter wurde er, erzählt Irmgard der Polizei. Getrennt habe sie sich aber von ihm, wie sie selbst sagt, wegen dem anderen Quatsch. Als die Ermittler Irmgard fragen, was denn der andere Quatsch ist, also was sie damit meint, bekommen sie eine schockierende Antwort.
23:29
Sie erzählt ihnen von der Zeit, als Kuno seinen Job als Friedhofswärter auf dem Nikolai-Friedhof noch hatte. Eines Tages erwischt Irmgard ihren Ehemann in der Leichenhalle, wie er sich an einer Leiche selbst befriedigt. Ein anderes Mal liegt er sogar auf einer Toten. Schnell ist Irmgard klar, Kuno hat diesen Job nicht angenommen, weil er dafür von der Friedhofsverwaltung eine Wohnung gestellt bekommt. Er will nah an den Leichen sein.
23:58
Irgendwann fängt ihr Ehemann sogar an, von der Küche ihrer Wohnung aus einen Tunnel zu graben, der unter der angrenzenden Friedhofsmauer direkt in eine Gruft auf dem Nikolai-Friedhof führt. Irmgard hat endgültig genug. 1964 trennt sie sich von Kuno.
24:15
Doch wegen der Kinder besucht sie ihn immer wieder, zuletzt am 20. Juli 1965, dem Tag, an dem Renate Böhm verschwindet. Imgad Peschel sagt aus, dass sie an diesem Tag nichts Verdächtiges bemerkt hat. Allerdings ist ihr aufgefallen, dass der Tunnel unter dem Küchenschrank wieder verschlossen war. Und wir können uns wahrscheinlich denken, warum der Tunnel verschlossen war.
24:38
Mhm, ich muss das jetzt gerade einmal, sorry, nochmal ganz kurz gedanklich einsortieren. Der andere Quatsch, das ist ja, also sie hat ihn dabei quasi erwischt und das ist dann, ja, der andere Quatsch ist ein heftiges Wort oder ein heftiger Ausdruck dafür, finde ich. Und ich finde es aber auch heftig, wie sie das dann mitbekommen hat und klar haben sie sich dann irgendwie getrennt, aber dass du das dann auch über dich ergehen lässt, ja, also das finde ich gerade eher so...
25:08
Schockierend.
25:09
Ja, ich glaube aus heutiger Sicht, die meisten von uns würden wahrscheinlich sofort zur Polizei rennen und sagen, ich muss euch was erzählen, es sind natürlich andere Zeiten, Mann-Frau, anderes Machtverhältnis. Aber ja, klar, aus heutiger Sicht ist das irgendwie schwer nachzuvollziehen, wenn du merkst, dass du da irgendwie mit jemandem zusammen bist, der ganz offensichtlich krank ist, dass du den dann einfach machen lässt und sagst, naja, ich nehme jetzt die Kinder und zwischendurch besuche ich dich noch, weil sonst bist du ja eigentlich ein ganz netter.
25:36
Genau, aber ich glaube, gerade das ist vielleicht auch der Punkt, auch im Vergleich natürlich zu früher. Ich glaube, dass es auch so sein kann, dass wenn man so lange in so einem Muster drin ist und das so gewohnt ist und einfach mitbekommt, dass man dann vielleicht auch eine Art von Betriebsblindheit, ich weiß nicht, ob man das so sagen kann, entwickelt. Aber das, also... Der andere Quatsch hat natürlich ein wahnsinniges Gewicht an Krankheit.
26:03
Total, ja, also das ist wahrscheinlich jetzt der richtige Zeitpunkt, um eben auch kurz mal über das Thema Necrophilie zu sprechen, denn das verbindet ja die beiden Fälle heute, über die wir in dieser Folge reden. Kuno Peschel fühlt sich krankhaft von Leichen angezogen und diese sexuell abweichende Präferenz für tote Körper nennt man eben Nekrophilie. Ist mir ganz wichtig, das kurz zu erklären, dass sich das niemand aussucht und dass es dafür eben leider kaum Behandlungsangebote gibt und Nekrophil eben nicht automatisch heißt, dass ich mich wie in diesem Fall an Leichen vergehe.
26:37
Also viele Nekrophile, meist sind es Männer, Leben das nur in ihrer Fantasie oder in freiwilligen Rollenspielen mit anderen aus. Also es ist schon wichtig, zwischen gefährlicher und ungefährlicher Nekrophilie zu unterscheiden. Also liebe Grüße an der Stelle an die liebe Lydia Benecke, die das in ihren Vorträgen und Büchern immer wieder predigt. Wirkliche Fälle von Leichenschändung, also das, was wir jetzt gerade gehört haben, die sind extrem selten. Der forensische Psychiater Anil Agrawal aus Indien hat 2009 eine Klassifizierung von Necrophilie vorgestellt.
27:08
Dabei hat er festgestellt, dass zum Beispiel der sogenannte taktile Necrophile sich häufig Berufe aussucht, in denen er mit Leichen alleine sein kann. Also zum Beispiel Arzt oder Bestatter, so wie Kuno Peschel in diesem Fall. Und natürlich ist das Ausgraben von Leichen und das Aufbrechen von Särken nicht nur absolut ekelhaft, sondern in Deutschland auch strafbar. Es wird in § 168 StGB unter Störung der Totenruhe geregelt. Dazu zählt dann natürlich auch der Diebstahl einer Leiche, aber zum Beispiel auch das Umtreten von Grabsteinen oder das Verwüsten von Gräbern.
27:46
Darauf steht eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren. Und Störung der Totenruhe ist jetzt nicht so sehr verbreitet. Also im Jahr 2025 werden deutschlandweit rund 1500 Fälle gemeldet. Und dabei geht es dann eher so um was wie beschmierte Grabsteine oder dass man Gestecke klaut, dass man Kerzen klaut. Ja, könnte ich mir vorstellen, dass du vielleicht in deinem Job da auch schon mal mit zu tun hattest, oder? Ja.
28:12
Ja, man bekommt das auf jeden Fall mit. Das Spannende ist, dass Störung der Totenruhe so ziemlich das Einzige ist, was da so eine Sicherheit schafft und das auch nur ganz bedingt. Aber wir hatten es schon relativ häufig, dass Leute Dinge von uns gefordert haben, was wir mit dem Verstorbenen machen sollen. Und damit wäre das aber sowas von Störung der Totenruhe gewesen. Mir fällt da ein Beispiel ein, da hatte... der Verstorbene ein recht schickes Tattoo.
28:42
Und der Sohnemann, der fand das Tattoo ganz toll. Und der wollte das unbedingt behalten. Also kam halt ganz allen Ernstes die Anfrage, hey, Schneidet doch das Tattoo einfach raus. Quatsch. Sagt er zu mir, ja. Und ich habe ungefähr so reagiert wie du. Quatsch habe ich nicht gesagt, aber so habe ich es mir gedacht, natürlich. Und der hat das aber zu 100% ernst gemeint. Und das würde ja so 100% unter Störung der Totenruhe fallen.
29:13
Aber das wäre dem egal gewesen. Und dann musste man das dem ernsthaft erklären. Ja, das geht nicht. Und wir haben schon ein bisschen Unverständnis und das Tattoo, wissen Sie, wie teuer das war, das Tattoo? Ja, das hat vielleicht was gekostet und so. Und da stehst du natürlich auch da als Bestatter und denkst dir so, nee. Krass.
29:32
Und was wollt ihr damit machen? Sich das aufhängen irgendwo zu Hause?
29:35
Ja, genau. Das gibt es tatsächlich in Amerika. So weit hergeholt ist es gar nicht, aber geht natürlich trotzdem nicht. In Amerika gibt es ein Kit, das kannst du dem Bestatter zuschicken. Das ist ein Tattoo-Entnahme-Kit. Dann schneidest du das Tattoo raus und rahmst es in den Bilderrahmen ein und hängst es dir dann auf wie ein Kunstwerk.
29:56
Wow.
29:57
Also, dass ich noch von was geschockt sein könnte, hätte ich auch nicht gedacht. Aber ja, krass. Das heißt also, dieser Paragraf schützt euch als Bestatter eigentlich auch, weil ihr dann sagen müsst, können wir alles verstehen, dass sie das gerne möchten, aber das dürfen wir halt nicht machen.
30:12
100 Prozent. Also wir müssen uns auch auf diesen Paragrafen berufen und zum Glück gibt es den, der ist auch Bestandteil der Ausbildung, den konnte ich mal Wort für Wort. Inhaltlich ist das im Prinzip, steht tatsächlich so drin, man darf Verstorbenen keinen beschimpfenden Unfug haben. Ja, verüben. Und da fällt eben dieses Ding mit den Grabstätten oder Grabsteinen, Grabschändung oder sowas oder das Stören von Trauerfeiern, das fällt da auch alles drunter. Und jetzt ist es aber natürlich Auslegungssache, was ist beschimpfender Unfug.
30:43
Also, dass man dem Verstorbenen das Tattoo nicht rausschneidet, ich glaube, da brauchen wir nicht lange diskutieren, dass das auf jeden Fall beschimpfender Unfug ist. Aber das war es dann auch schon mit Regulierung. Also das ist ein sehr weit ausgedehner Begriff und deswegen ist es schon etwas schwammig auch.
31:01
Voll. Ich meine, wenn ich jetzt sage, keine Ahnung, Opa war immer ein Lustiger, könnt ihr dem eine Clownsnase aufsetzen im Sarg. Ist das dann schon Unfug?
31:10
Genau, wo hört es auf, wo fängt es an? Wir hatten einmal den Fall, dass der Verstorbene immer nackt gewesen ist. Der war Nudist und sollte dann auch nackt im Sarg liegen, das war der Wunsch. Und das war dann auch für mich als Bestatter so ein Grenzfall, aber da hat man dann wirklich, da gehst du natürlich auch rein und unterhältst dich mit der Familie, um dann festzustellen, okay, Die machen das wirklich nicht einfach so, die meinen das ernst und dann lassen wir uns manchmal noch absichern, indem wir da auch noch einen Zweizeiler unterschreiben lassen quasi, dass es auch wirklich so gewünscht ist und dann wäre das so ein Grenzfall und dann habe ich den tatsächlich nackt in den Sarg reingelegt, weil das ja dann auch ein individueller Wunsch ist und wir wollen ja auch viel ermöglichen, aber irgendwo hört der Spaß dann halt auch auf.
31:58
Krass, also das war mir gar nicht so bewusst, dass das eben auch die Bestatter schützt. Total spannend. Wir kommen jetzt mal zum Ergebnis der Gerichtsmedizin aus Dresden. Also das kommt am 6. August und ergibt, dass Renate erwürgt wurde. Also ihr Tod ist durch Ersticken eingetreten. Spuren von Missbrauch haben die Mediziner allerdings nicht festgestellt und das wird später noch wichtig werden. Als Kuno Peschel Hauptmann Warnke wieder gegenüber sitzt, schaut er ihm kaum in die Augen. Ein weiteres Mal fragt der Ermittler, ob Peschel sich erinnert, dass Renate am Dienstagvormittag bei ihm war.
32:34
Dieses Mal bestätigt der 34-Jährige, dass er sei gerade erst aufgestanden, als das Mädchen gegen 10 Uhr in seine Wohnung kam. Peschel erinnert sich auch, wie er ins Wohnzimmer ging, um Altpapier zu holen. Doch dann brechen seine Erinnerungen ab. Ich kann mich erst wieder erinnern, als sie röchelnd am Boden lag, erklärt der Hauptmann. Er wisse nur noch, dass Renate ihn gefragt habe, warum er zittere. Also Onkel, warum zitterst du so? Das, was wir ganz am Anfang hatten. Diese Blackouts hat er laut seiner eigenen Aussage häufiger, vor allem wenn er erregt ist.
33:08
Renate habe geschrien und Peschel sie mit der linken Hand gewürgt. Als das Mädchen am Boden liegt, habe er ihr mit einer Spritze ein Herzstärkungsmittel verabreichen wollen. Das habe er im Haus, weil er gerne mit Chemikalien experimentiere. Also das sind diese Experimente, die ich eben kurz erwähnt habe. Doch dann will Peschel bemerkt haben, dass Renate bereits tot war. Danach habe er die Wohnung verlassen, um den Kopf freizubekommen, erklärt der 34-Jährige. Erst am Nachmittag sei er zurückgekehrt, habe Renates Leiche in der Grube versteckt, das Loch verschlossen.
33:42
uns mit Essig versucht, Spuren zu verwischen. Er weiß, dass seine Ex-Frau Irmgard in wenigen Stunden vorbeikommt und die darf den Mord auf keinen Fall bemerken. Also er hat praktisch die Reste von diesem Tunnel da benutzt und hat dann alles wieder hingeschoben, damit man nicht sieht, was da passiert ist.
33:59
Also spätestens an der Stelle ist für mich jetzt zumindest zu 100% sicher, da muss doch noch tiefer was dahinter stecken. Also das ist ja so dermaßen gestört und krankhaft, dass es da ja...
34:15
Also da muss es eine tiefere Begründung geben. Weißt du, was ich meine? Also das ist ja, da fehlen einem die Worte irgendwie und sowas macht man ja nicht einfach so. Da ist ja so viel passiert und auch so viel noch, es ist es ja schon schlimm genug, einen Menschen umzubringen. Da brauchen wir überhaupt nicht diskutieren. Und als wäre das nicht schlimm genug, kommt dann nochmal die Schippe drauf.
34:37
Ja, im wahrsten Sinne des Wortes. Ja, also die Frage, warum das alles passiert ist, die schwebt natürlich über dem Ganzen. In Untersuchungshaft verfasst Peschel ein ausführliches Geständnis und schreibt, ich bekenne mich schuldig und bin bereit, die zu erwartende Strafe anzunehmen. Und die zu erwartende Strafe ist in seinem Fall der Tod, denn die Justiz in der DDR sieht für einen Mord die Todesstrafe vor.
35:02
Wie und warum er Renate ermordet hat, schreibt Kuno Peschel aber nicht und da sind wir genau bei dem, was du gerade gesagt hast, also man hat das Gefühl, da fehlt irgendwie ein Teil der Geschichte. Vielleicht liegt die Antwort auf diese Frage in seiner Biografie, die schauen wir uns jetzt mal zusammen genauer an. Kuno Peschel kommt im Dezember 1931 in Görlitz zur Welt. Seinen Vater lernt er nie kennen und seine Mutter ist mit dem Kind überfordert. Immer wieder schlägt sie Kuno und lässt ihn allein. Eine Zeit lang lebt der kleine Junge sogar auf der Straße, kommt immer wieder in verschiedene Heime, aus denen er regelmäßig ausbüxt.
35:41
Mit anderen Jungs streunt er durch die Straßen. Als er elf Jahre alt ist, hat er das erste Mal wegen kleinerer Diebstähle mit der Polizei zu tun. Nur ein Jahr später ist es ein Freund, der ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Der damals zwölfjährige Kuno wird, so erzählt er es, von der Mutter dieses Freundes sexuell missbraucht.
36:01
In den Kriegsjahren geht der Missbrauch weiter. Auch verschiedene männliche Bekannte der Frau, die gerade auf Heimaturlaub sind, werden zu Tätern.
36:10
1949, als der Zweite Weltkrieg vorbei und Kuno gerade 18 geworden ist, flieht er in den Westen. Später kehrt er zurück und findet in der Industriestadt Aue einen Job als Bergarbeiter. Seine Vermieterin damals, eine Krankenschwester namens Ilse Ruh, kümmert sich wie eine Mutter um Kuno. Doch dann kommt es zu einem groben Unglück, bei dem Kuno Peschel schwer am Kopf verletzt wird. Danach leidet er an einer Cyanose, also einer sogenannten Blausucht, die durch Sauerstoffmangel im Blut hervorgerufen wird.
36:42
Immer wieder hat Special Krampfanfälle, bei denen er blau anläuft, die Augen verdreht und die Orientierung verliert. Außerdem fängt er an, Ilse immer wieder unvermittelt zu wirken. Die Krankenschwester fackelt nicht lange und lässt den jungen Mann in die Landesheilanstalt in Untergölsch in Sachsen einweisen. Das gehört heute zu Rodelwisch. Als Kudu wieder entlassen wird, vertraut er niemandem mehr. Er zieht mehrfach um. Immer wieder geht er zum Arbeiten in den Westen, schmeißt aber meist nach wenigen Wochen wieder hin und kommt dann zurück nach Sachsen.
37:16
Dort lernt er auch Irmgard kennen, die er heiratet und mit der er zwei Kinder bekommt. Doch ein glückliches Familienleben haben die Peschels nicht. Im Gegenteil. Kuno entwickelt ein Alkoholproblem und haut immer wieder ab, um irgendwo zu arbeiten und nach einigen Wochen wiederzukommen. Nach dem Bau der Mauer bleibt er in Görlitz und arbeitet zunächst als Straßenarbeiter. Doch auch diesen Job ist er bald wieder los. Erst als er die Arbeit als Friedhofswärter anfängt, scheint er sich beruflich gefangen zu haben.
37:48
Doch in Wirklichkeit geht er hier heimlich seinen nekrophilen Fantasien nach. Als seine Frau ihn erwischt und ihn 1964 verlässt, stürzt Kuno Peschel komplett ab. Ein Jahr später tötet er die elfjährige Renate Böhm. Also das ist natürlich keine Begründung für so einen Fall und für so einen Mord, aber es ist vielleicht ein Ansatz, eine Erklärung, weil es ist ein sehr trauriges Leben, könnte man sagen.
38:17
Ja, absolut. Traurig trifft es ganz gut. Und da stelle ich mir indirekt gleich die Frage irgendwie, können wir wirklich selbst entscheiden, was wir jetzt als Nächstes machen? Also wir als Menschen. Die Frage hat Leon Windscheid auch mal gut aufgebracht. Da hatte ich mit ihm auch mal drüber geredet. Liebe Grüße an der Stelle. Und das ist ein ganz spannender Ansatz, weil man sieht ja, was das für eine Verkettung von Ereignissen ist. Und alle Weichen sind dann so gestellt, dass wirklich genau das passieren kann.
38:48
Und jetzt könnte man natürlich sagen, okay, wäre das nicht gewesen, wäre das nicht gewesen. Aber die Frage, die ich mir stelle, ich sage es noch mal, Konnte der das wirklich selbst entscheiden im übergeordneten Sinne? Ja, bitte nicht falsch verstehen, das soll das in keinster Weise rechtfertigen, überhaupt nicht. Aber da sieht man ja, dass eins zum anderen geführt hat irgendwie.
39:09
Total und man muss sich natürlich auch fragen, in welcher körperlichen Verfassung er war, weil wir haben ja schon gehört, es gab diese Krampfanfälle. Und da hat er eben auch schon vor der Tat vergessen, was er tat und war nicht mehr ansprechbar. Und das ist natürlich für die Beurteilung des Falles total wichtig. Also die Ermittler waren sich bis zu diesem Zeitpunkt sicher, dass Peschel so eine Art Lustmörder ist, wie man es damals genannt hat. Also er hat Renate getötet, um den sexuellen Missbrauch an dem Mädchen zu verschleiern. Das wäre ja ein Mordmerkmal, Verschleierungsabsicht.
39:41
Aber die Frage ist natürlich, was wäre, wenn Kuno Peschel wirklich schon seit Jahren schwer psychisch krank ist und wenn er eben nicht selbst entscheiden kann, was er tut? Das soll jetzt der renommierte Psychiater Erik Lange herausfinden. Der stellt bei Kuno Peschel gleich mehrere schwere psychische Erkrankungen fest, unter anderem episodische Zustände mit Erinnerungslücken und Halluzinationen und auch Peschels Gehirn sei geschädigt, also wirklich körperlich geschädigt. Dafür spricht zum Beispiel auch, dass Kuno Peschel fest davon überzeugt ist, in der französischen Fremdenlegion gedient und in Afrika gekämpft zu haben, auch wenn das erwiesenermaßen falsch ist.
40:21
Am 6. Juli 1966 beginnt dann vor dem Bezirksgericht in Dresden der Prozess gegen den mittlerweile 35-jährigen Kuno Peschel. Nach nur drei Verhandlungstagen fällt am 11. Juli 1966 das Urteil. Kuno Peschel wird freigesprochen. Das Gericht folgt damit der Einschätzung des Psychiaters Lange, der es für wahrscheinlich hält, dass Peschel während des Mordes an Renate gar nicht wusste, was er tat. Und dazu heißt es im Strafgesetzbuch der DDR in § 15.1, strafrechtliche Verantwortung ist ausgeschlossen, wenn der Täter zur Zeit der Tat wegen zeitweiliger oder dauernder krankhafter Störung der Geistestätigkeit oder wegen Bewusstseinsstörung unfähig ist, sich nach den durch die Tat berührten Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu entscheiden.
41:08
Also sehr kompliziert formuliert, aber heißt im Prinzip, wenn du nicht weißt, was du tust, dann kannst du dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass Kuno Peschel als freier Mann aus dem Gerichtssaal spazieren darf. Er wird dauerhaft in die psychiatrische Sonderabteilung des Fachkrankenhauses Waldheim in Sachsen eingewiesen. Kuno Peschel selbst hatte in seinem Schlusswort für sich selbst noch die Todesstrafe gefordert, doch den Gefallen tut ihm das Dresdner Gericht nicht. Peschel wird knapp 25 Jahre in der forensischen Psychiatrie verbringen.
41:38
Erst als die DDR untergeht und zahlreiche Gefangene aus Haftanstalten und Psychiatrien im Zuge der Angleichung des Rechts zwischen BRD und DDR freigelassen werden, kommt 1991 auch Kuno Peschel frei. Er zieht nach Mittweida. 150 Kilometer von Görlitz entfernt. Sein Leben in Freiheit dauert nur ein paar Monate. Am 6. Juni 1992 stirbt Peschel im Alter von 60 Jahren an Lungenkrebs. Sein kleines Haus direkt am Nikolai-Friedhof gibt es mittlerweile nicht mehr.
42:10
1985 wechselt das Grundstück den Besitzer. Da ist das Haus schon eine Ruine. Der neue Besitzer lässt es abreißen. Heute ist dort eine gemütliche Gartenecke mit Rasen und Efeu. Der alte Nikolai Friedhof aus dem 12. Jahrhundert ist mit seinen verwitterten Gräbern, Gruften und Kriegsdenkmälern immer noch eine bekannte Sehenswürdigkeit in Görlitz.
42:30
An die schrecklichen Dinge, die hier vor 60 Jahren passiert sind, denkt heute kaum noch jemand. Das liegt auch daran, dass die DDR-Führung damals die Berichterstattung über den Fall stark eingeschränkt hat. Ein Leichenschänder, der ein kleines Mädchen ermordet, passt einfach nicht in das Bild des angeblich so sicheren Arbeiter- und Bauernstaates. Dass wir heute überhaupt über den Fall sprechen, liegt auch an Eveline Schulze. Die ehemalige Mitarbeiterin der Volkspolizei hat den Fall Kuno Peschel 2012 für ihr Buch »Mord in der Backstube« recherchiert, was auch eine der Quellen für diese Recherche hier war.
43:08
Renates jüngere Schwester Ute Böhm war erst drei Monate alt, als Renate verschwand. Sie wusste jahrelang nicht mal, dass sie eine ältere Schwester hat. Der Schmerz ihrer Eltern über den grausamen Mord an Renate muss so groß gewesen sein, dass sie nie darüber gesprochen haben. Erst als der Direktor der Nikolai-Schule Ute versehentlich Renate nennt, also sie mit ihrer toten Schwester verwechselt, fragt das Mädchen zu Hause nach und erfährt, dass sie eine Schwester namens Renate hatte.
43:39
Die Tat und der anschließende Freispruch vor den Mörder ihrer Tochter hat Renates Eltern so schwer getroffen, dass sie jahrelang nicht mal über sie sprechen konnten. Doch die Erinnerung an sie lebt weiter. Immer wenn Renate im April Geburtstag hat, gucke ich mir das einzige Foto an, das ich von ihr habe, erzählt Renates Schwester Ute 2016 in einem Interview. Also zumindest ihre Schwester hat Renate nicht vergessen.
44:06
Da sieht man, was das für einen Einschnitt auch bedeutet für die Familie, wenn dieses Thema einfach so totgeschwiegen wird. Und um jetzt auch trotzdem nochmal auf den Täter zu kommen, wir hatten ja vorhin kurz so ein bisschen die Erklärung angerissen, aber dann ganz wichtig mit dem Zusatz auch, das sollte ja eigentlich keine Entlastung bedeuten und auch keine Rechtfertigung. Und deswegen finde ich es auch gut, dass trotzdem natürlich noch was mit ihm passiert ist, wie wir es gerade gehört haben.
44:36
Hätte mir aber trotzdem auch jetzt irgendwie vorstellen können, also ich habe kurz gedacht, dass du jetzt dann gleich sagst und dann, ja, dann war es das gewesen. So, das ist die Begründung und dann, ja.
44:47
Ja, ich habe ehrlich gesagt auch damit gerechnet, weil ja Todesurteile in der DDR durchaus jetzt nicht ganz selten waren, also eine Todesstrafe war da schon verbreitet. Und vor allem, weil man ja auch die Aufmerksamkeit nicht wollte, das habe ich ja auch gerade angerissen, also einen Mörder darf es eigentlich nicht geben in diesem Staat, aber es ist ja relativ eindeutig, dass Kuno Peschel nicht wusste, was er da gemacht hat, was die Tat nicht entschuldigt, das will ich damit nicht sagen, also das betone ich auch nochmal an der Stelle. Aber was eben bedeutet, dass man ihn rein strafrechtlich da nicht zur Verantwortung ziehen kann, das ist natürlich für die Angehörigen das denkbar Schlimmste, weil die ja gefühlt nicht mal Gerechtigkeit kriegen.
45:28
Auf der anderen Seite ist es jetzt auch nicht besonders schön, in so einer forensischen Psychiatrie zu sitzen. Also das ist jetzt auch nicht so super entspannt. Und als kranker Mensch gehörst du da halt definitiv hin. Und ja, also ich finde bei Bruno Peschel kann man sagen, ein trauriges Leben ist auch ganz traurig irgendwie zu Ende gegangen.
45:45
Ja, das ist auf jeden Fall so. Das trifft es gut und deswegen also auf jeden Fall wichtig und richtig, dass er dann auch da nochmal in diese Anstalt kam. Das ist auf jeden Fall so, weil ja, schön ist es da sicher auch nicht, aber trotzdem irgendwie ist so ein bisschen in mir noch so ein Ungerechtigkeitsfragezeichen, auch für die Familie irgendwie so ein bisschen, weil man sieht ja, was das für...
46:10
bis heute, was das bis heute für Wellen trotzdem noch schlägt, obwohl es schon so lange in der Vergangenheit liegt.
46:19
Ich glaube aber auch ehrlich gesagt, wenn dein Kind getötet wird, kann es keine Gerechtigkeit geben. Welche Strafe könnte das ausgleichen? Selbst wenn es jetzt Leute gibt, die sagen, Todesstrafe finde ich super, selbst wenn der Täter gehängt worden wäre, bin ich der festen Überzeugung, dass das die Trauer der Eltern nicht wegnimmt.
46:41
100 Prozent. Ja, das ist natürlich ein sehr wichtiger Punkt, den du da ansprichst, da hast du hundertprozentig recht. Das macht es nicht ungeschehen, aber ich glaube, es ist trotzdem nicht zu unterschätzen, was das für einen signifikanten Unterschied doch dann für die Eltern trotzdem noch machen kann, wie jetzt so ein Urteil dann ausfällt oder halt eben auch nicht. Aber natürlich braucht man nicht drum rumleben. Die Tat wird niemals ungeschehen sein und dann ist es halt trotzdem so.
47:08
Ja. Aber das ist, glaube ich, du hast ja beruhiglich auch viel mit Trauer zu tun. Es gibt ja ganz unterschiedliche Arten auch zu trauern. Das habe ich in meiner Arbeit jetzt auch gelernt. Manche reden nonstop darüber, manche wollen gar nicht darüber reden und Renates Eltern haben sich dazu entschieden, sie so aus dem Leben rauszuschneiden. Das war ihre Art damit umzugehen. Ich würde sagen, dass das grundsätzlich keine gute Idee ist.
47:31
Bin ich auch deiner Meinung, es gibt auf jeden Fall diese verschiedenen Arten zu trauern und die Eltern sind auf jeden Fall für mich so die klassischen Trauernden, die es wegschieben, vielleicht auch verdrängen, so ein bisschen so tun, als wäre nichts gewesen. Was absolut übrigens, was absolut gefährlich sein kann, auch jetzt für Kinder, wie es ja hier auch der Fall ist. Klar war sie noch sehr jung, aber trotzdem, wenn du da diese Normalität einbringst, als wäre nichts gewesen, das ist schon... Auch eine Art von Krankhaftigkeit in der Trauer.
48:03
Also das ist auf jeden Fall so. Ja, ich versuche halt einfach nicht Leute zu verurteilen, die trauern. Also so richtig oder falsch, weil manchmal wird ja gesagt, die ist ja so fröhlich. Wie kann das sein? Auch das kann ja eine Art von Trauerbewältigung sein. Aber ich glaube gar nicht drüber zu sprechen und das eben wegzuschieben. Also da gibt es ja auch Studien drüber, ist halt denkbar die schlechteste Frage. Von allen Varianten.
48:23
Wäre ich jetzt auch der Meinung, ja. Obwohl es schon sehr, sehr, sehr individuell ist. Also manche sind sehr fröhlich, hast du gerade gesagt, machen auch Witze. Und dann muss man sich natürlich als Gegenüber auch ein bisschen drauf einstellen. Und das ist auch so ein bisschen die Kunst, weil... Kein Mensch ist gleich, das wissen wir alle. Und so ist das auch in der Trauer. Und eine Reaktion bei Familie A, die mit Humor mit der Trauer umgeht, wo man dann vielleicht auch mal mit auf den Zug aufspringt, weil das denen gerade gut tut, würde in Situation B mit Familie B völlig unangebracht sein, weil die vielleicht in Schockstarre sind und überhaupt nicht zugänglich und versteinert vor dir sitzen.
49:02
Und das macht es auch so tricky.
49:06
Ja, du musst sehr empathisch sein in deinem Job, ne?
49:09
Ja, auf jeden Fall. Und du musst sehr flexibel sein können, also wirklich. Es gibt da Situationen, wo du einen Verstorbenen abholst bei der Familie und du hast so diese extremen Gegensätze von Situationen und fährst dann nach 20 Minuten zur nächsten Familie und musst dich wirklich wieder von null neu drauf einstellen. Und da muss man schon auch schnell springen können, innerlich auch, ja.
49:32
Ich habe ganz am Anfang schon gesagt, wir sprechen heute nicht nur über ein, sondern sogar über zwei Fälle. Also das wird jetzt eine extra lange Folge für euch. Ich weiß, dass ihr euch darüber freut. Der zweite Fall, über den wir heute sprechen, den hast du selber vorgeschlagen, Louis, weil als wir überlegt haben, was könnten wir zusammen machen, ohne jetzt zu viel über den Fall an sich zu verraten.
49:51
Wie hast du von dem Fall mitbekommen?
49:54
Das ist der örtlichen Gegebenheit geschuldet tatsächlich, weil wir werden es ja dann sicher von dir gleich noch hören, wo sich das Ganze zugetragen hat. Und wenn man hier in der Gegend wohnt und dann auch noch so in der Branche tätig ist, in der ich tätig bin, dann bekommst du das auf jeden Fall mit. Und gerade auch, weil es so ein absurder Fall ist, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen, Und deswegen habe ich den Fall eben vorgeschlagen und fand das ganz spannend, ja.
50:27
Ist sozusagen dein Verbrechen von nebenan, könnte man sagen.
50:29
Ja, ja, perfekt auf den Punkt gebracht. Also es ist, so viel kann ich ja sagen, also der Ort des Geschehens, wenn ich mich jetzt ins Auto setzen würde, das ist, ich würde sagen, vielleicht 25 Minuten, wenn überhaupt. Und dementsprechend, ja, bin ich da vielleicht auch schon das ein oder andere Mal vorbeigekommen.
50:49
Dazu kommen wir jetzt. Wir reisen dorthin. Der 13. November 1999 in Buttenheim bei Bamberg ist ein kalter grauer Herbsttag. Über der 3000 Einwohner Gemeinde hängt eine dichte Wolkendecke. Das Wetter passt zum Anlass. Am südlichen Rand des Dorfes sammeln sich an diesem Samstagvormittag 100 schwarz gekleidete Menschen am Eisentor des Friedhofs. Es ist kaum ein Wort zu hören, zwischendurch durchbricht ein Schluchzen die Stille.
51:21
Heute wird die 14-jährige Nina aus Altendorf beerdigt, das damals noch zu Buttenheim gehört. Schulkameraden, Freunde und die Familie haben sich hier versammelt, um in der Friedhofskapelle gemeinsam zu trauern. Ninas Eltern betreten kurz vor dem Beginn der Trauerfeier den kühlen Raum, der mit vielen Blumen geschmückt ist. In der Mitte steht ein geschlossener weißer Sarg, umgeben von Kerzen.
51:47
Es ist erst fünf Tage her, als Nina am 8. November mit ihren Freundinnen am Bahnhof von Buttenheim steht. Die Mädchen kommen von der Schule und wollen nach Hause. Sie quatschen, lachen und merken die tödliche Gefahr wahrscheinlich gar nicht. Plötzlich rast ein Zug am Bahnsteig vorbei, erfasst Nina am Kopf, schleudert sie auf die Schienen und damit in den Tod. Die Rettungskräfte können nichts mehr tun. Nina stirbt noch auf dem Bahnsteig. Jetzt, fünf Tage später, wollen ihre Eltern Abschied nehmen und ihre Tochter noch ein letztes Mal sehen.
52:23
Bevor die Trauerfeier beginnt, bitten sie die Bestatterin, den Sarg noch ein letztes Mal zu öffnen. Also öffnet der Totengräber die sechs Schrauben und schiebt den Sargdeckel zur Seite. Als der helle Stoff der Innenseite zu sehen ist, erstarren Ninas Eltern. Auch die Bestatterin und der Totengräber sind wie gelähmt, denn der Sarg ist leer. Der Leichnam der 14-jährigen Nina ist nicht mehr da, wo sie ihn am Donnerstagabend zur Ruhe gelegt haben. Stattdessen liegen dort zwei kleine Puppen und starren mit ihren leblosen Augen aus dem Sarg.
52:59
Katastrophe. Absolute Katastrophe. Also ich glaube, das kann man gar nicht richtig verarbeiten, weil an sich... Du machst dir ja ein Bild, musst du dir vorstellen. Die ganze Trauergemeinde hat jetzt ein Bild im Kopf. Wie wird jetzt dieser Zustand sein? Wie sieht sie aus in dem Sarg? Man weiß ja, was passiert ist. Das ist schwer und anstrengend genug und wir alle wissen, wenn man sich von einer schlimmen Situation Gedanken macht, schon im Vorhinein, dann ist es auch oft so, dass das imaginäre Bild ja riesig wird und das kostet ganz viel Kraft an sich schon.
53:31
Und wenn du dann den Sarg aufmachst und dann nicht ziehst, weil der Sarg leer ist, dann ist absolute Achterbahn der Gefühle im ganz, ganz negativen Sinne.
53:41
Ja, für alle, also für die Eltern natürlich ganz furchtbar, aber eben auch für alle Beteiligten, die drumherum stehen, die vielleicht auch verantwortlich sind. Auch da werden wir gleich noch drüber sprechen. Du hast ja den Fall vorgeschlagen, unter anderem, weil du vor einiger Zeit selber genau in der Kapelle warst, in der das alles passiert ist. Also nimm uns mal ein bisschen...
54:04
Mit? Ja, mache ich. Wie sieht es da aus? Mache ich auf jeden Fall. Also du musst dir vorstellen, wir hatten eine Trauerfeier halt auf dem Friedhof. Also ich war tatsächlich auch im geschäftlichen Sinne da. Und das war eine ganz, ja, irgendwie mystische Atmosphäre. Auch ein bisschen komisch, weil du musst dir vorstellen, ich habe dann da halt den Sarg aus dem Leichenwagen ausgeladen. In diese Halle rein, mit dem Wissen, was da halt... passiert ist und ich habe mir die Halle vorher angeschaut und das ist wirklich, du hast es als kalte Halle beschrieben, das trifft es auf den Punkt, wie gesagt.
54:39
Es war auch ein sehr nebliger Herbsttag, also das hat das Ganze natürlich nochmal untermalt und Dann hatten wir da eben diese Beerdigung und ich konnte sogar mit dem Friedhofswärter reden. Und ich habe ihn gesehen und der war schon was älter, also kam in mir natürlich gleich die Frage auf, ey der war doch da bestimmt dabei, oder? Ja. Und dann haben wir zusammen den Sarg getragen und danach bin ich dann nochmal zu ihm hingegangen und habe mit ihm noch ein bisschen gequatscht und habe ihn eben gefragt, wie das damals war, ob er da dabei war.
55:12
Und er war tatsächlich gerade ein Jahr mit dabei und hat dann so ein bisschen erzählt, wie es auch für ihn war, wie es für das ganze Dorf war. Und das war sehr, ja, sehr viel Gänsehaut-Moment, weil du halt genau neben der Halle stehst, Und das dann so hautnah mitbekommst und weißt ganz genau, fünf Meter neben dir ist genau das wirklich passiert und das war schon sehr heftig.
55:37
Wild. Wir können ja gleich noch ein bisschen darauf eingehen, was das mit dem Dorf gemacht hat, was der dir vielleicht auch erzählt hat, aber eine Frage habe ich jetzt mal, vielleicht ist es auch eine doofe Frage, aber wird so ein Leichnam irgendwie...
55:49
gesichert, wenn der irgendwo liegt? Das kam mir halt direkt die Frage. Naja, im Sinne von, so ein Sarg, der ist doch zugeschraubt oder kann da jeder reinmarschieren und da irgendwie die Leiche rausklauen?
56:02
Also, das ist ein bisschen unterschiedlich. Es gibt nämlich Friedhöfe, da musst du den Verstorbenen einen Tag vorher anliefern. Und dann gibt es schon die Situation, dass der Sarg auch schon die Nacht vor der Trauerfeier auf dem Friedhof in der Kühlung oder in der Halle schon mal steht und der ist aber im Regelfall zugeschraubt. Aber jeder, der einen Akkuschrauber dabei hat, der kriegt so einen Sarg natürlich aufgeschraubt und Ja gut, wäre ja auch komisch, wenn man den da irgendwie festketten würde oder so.
56:46
Ja genau, also mit sowas kann ja niemand rechnen und genau das, was du gerade gesagt hast, trifft ja hier auch zu. Also die Trauerfeier ist ja an einem Samstag und Donnerstagabend ist der Sarg mit dem toten Mädchen halt in Anführungsstrichen angeliefert worden. Und irgendwann in der Zeit muss es halt passiert sein. Und du hast ja gerade schon gesagt, achte aber an der Gefühle, wenn man sowas sieht und so geht es natürlich allen. Also Ninas Mutter zum Beispiel ist so geschockt, dass sie ohnmächtig zusammenbricht. Sofort sagt die Bestatterin die Trauerfeier ab, weil das findet ja noch vor der Feier statt und schickt die Gäste nach Hause und der Totengräber rennt los, um den Bürgermeister zu informieren.
57:23
Wenig später sind die Ermittler der Kriminalpolizei Bamberg vor Ort. Auch für sie ist dieser Fall etwas ganz Besonderes. Wohl kaum einer von ihnen hat schon mal in einem Leichenraub ermittelt. Sofort fällt den Ermittlern auf, dass es keine Spuren gibt. Die Fenster sind alle noch intakt und auch die Tür zur Kapelle wurde offenbar nicht aufgebrochen.
57:45
Selbst der Sarg wurde, nachdem Ninas Leiche gestohlen und durch die beiden Puppen ausgetauscht wurde, ordentlich wieder zugeschraubt.
57:54
Damit fällt der erste Verdacht auf die Bestatterin und auf den Totengräber. Was ist der korrekte Begriff? Totengräber klingt so nach Wild West, sagt man heute nicht mehr. Friedhofswärter, könntest du sagen. Friedhofswärter, okay. Die beiden sind die einzigen, die einen Schlüssel zu der Kapelle haben. Und die Nachricht des verschwundenen Mädchens, der verschwundenen Leiche, die macht in dem kleinen katholisch geprägten Ort schnell die Runde.
58:21
Kurze Zeit später drängeln sich Zeitungsreporter und Kamerateams in das Dorf, in dem eigentlich jeder jeden kennt. Sie belagern Freundinnen und Bekannte von Nina, die an der Unfallstelle am Buttenheimer Bahnhof Blum niederlegen. Ein Team stürmt sogar ins Rathaus und verlangt vom Bürgermeister die Führungszeugnisse der Bestatterin und des Friedhofswärters, weil die beiden verdächtigt werden. Also weil die ja den Schlüssel hatten. Sie zerren sogar Ninas Mutter vor die Kamera, die unter Tränen sagt, gebt mir den Leichnam meiner Tochter wieder.
58:56
Die Polizei und die Staatsanwaltschaft gründen eine achtköpfige Arbeitsgruppe, die Ninas Leiche wiederfinden und den Täter schnappen soll. Suchtrupps durchkämmen die gesamte Region, ein Hubschrauber fliegt über das Dorf und die Umgebung doch ohne Erfolg. Wir haben nicht einmal Anhaltspunkte, wo wir anfangen sollten. Sagt damals ein Ermittler der Taz. Schließlich wird für konkrete Hinweise in dem Fall eine Belohnung von 3000 Mark, also es werden heute inflationsbereinigt etwa 2500 Euro ausgesetzt.
59:28
Doch Ninas toter Körper bleibt spurlos verschwunden. Buttenheim, das man bisher nur als Geburtsort des Jeans-Erfinders Levi Strauss kannte, ist mittlerweile bekannt als die Stadt, in der man Leichen klaut. An der Gemeindetafel des Örtchens hängt der Fahndungsaufruf. Flugblätter der Polizei fliegen durch die Straßen und auch vor dem Friedhof beobachten sich die Bewohner misstrauisch. Niemand ist vor den Spekulationen sicher. Die Ermittler überprüfen das Umfeld von Ninas Familie, sprechen mit Bekannten und Freunden.
60:01
Alle reden über Nina, aber ihre Leiche bleibt verschwunden. Einen solchen Fall hat es bei uns noch nicht gegeben, sagt damals ein Polizeisprecher. Und du kannst dir vorstellen, dass in so einem Ort dann die wildesten Gerüchte die Runde machen. Irgendwer hat vor der Tat angeblich einen seltsamen Leichenwagen gesehen vor dem Haus von Ninas Eltern. Und an der Hintertür von Ninas Schule taucht plötzlich der Schriftzug Satan Forever auf. Drei Monate lang gibt es keine heiße Spur. Die Ermittler sind kurz davor aufzugeben.
60:33
Doch dann kommt das neue Jahrtausend und im Februar 2000 meldet sich ein Mann bei der Soko Nina mit einer Beobachtung, die ihm keine Ruhe lässt. Wenige Wochen vorher war der Zeuge am Rand von Forchheim unterwegs, etwa zehn Kilometer von Ninas Heimatort Altendorf entfernt. Auf seinem Spaziergang kommt der Mann auch an einem verwilderten Grundstück am Waldrand vorbei, an dem er etwas Seltsames beobachtet. Er sieht einen schmächtigen Mann, der sich auf dem Grundstück an etwas zu schaffen macht, das wie Tierinnereien aussieht.
61:07
Offenbar vergeht er sich an dem toten Fleisch. Als der Zeuge näher kommt und den Fremden anspricht, weicht dieser aus. Zunächst denkt sich der Zeuge nichts dabei, aber irgendwie geht ihm die Sache nicht mehr aus dem Kopf und er meldet seine Beobachtung bei der Polizei. Es dauert nicht lange, bis die Ermittler herausfinden, wer der Besitzer des verwilderten Grundstücks und außerdem der Mann ist, den der Zeuge gesehen hat. Am 24. Februar 2000 stehen dann mehrere Beamte vor der Wohnung des 40-jährigen Hagenmeier in Forchheim.
61:39
Ein schmächtiger Mann mit Brille, Bäuchlein und dünnem Haar. Meier ist Bauingenieur, verheiratet, hat zwei Söhne und er lässt sich ohne Widerstand festnehmen. Er machte einen erleichterten Eindruck, erinnert sich später ein Polizist, der bei der Festnahme dabei war. Wenig später gesteht Hagenmeier, Ninas Leiche aus der Kapelle gestohlen zu haben. Mit dieser Nachricht breitet sich Erleichterung in der Gemeinde Buttenheim aus. Doch das Aufatmen hält nicht lange an, denn was die Ermittler als nächstes finden, macht nicht nur sie sprachlos.
62:15
Und bevor wir jetzt dazu kommen, und das wird wirklich heftig, habe ich noch eine Zwischenfrage. Das muss ja auch für die Bestatterin sein. Und auch für den Friedhofswärter eine ganz furchtbare Zeit gewesen sein, weil man die beiden die ganze Zeit irgendwie verdächtigt hat, was mit der Sache zu tun zu haben.
62:33
Ja, man hat sie 100% verdächtigt. Die waren sogar die Hauptverdächtigen eine Zeit lang in diesem Fall. Und du musst dir vorstellen, wenn du als Bestatter...
62:44
einen Sterbefall betreust und auch diese Trauerfeier ja veranstaltest, dann bist du da schon auch das Eventmanagement dafür. Und du trägst auch die Verantwortung schon in gewisser Weise. Und wenn irgendwas schief geht, dann ist als erstes immer der Bestatter schuld. Egal, wer schuld ist. Blumen fehlen. Floristin hat die Blumen nicht geliefert. Fehler liegt bei der Floristin oder beim Floristen. Wer ist schuld? Erstmal natürlich der Bestatter, weil die Familie geht zum Bestatter. Und ich habe mit dem Friedhofswerter gesprochen und auch tatsächlich mit der Tochter der Bestatterin von damals.
63:21
Also mit der hatte ich auch schon mal Kontakt. Und bei dem Gespräch hat man richtig gemerkt, wie das auch bis heute einschneidet tatsächlich. Das war eine ganz, ganz heftige Zeit für die damals, weil Buttenheim ist wirklich, hier sagt man ein Kaff, also ein kleiner Ort, ein Dorf wirklich. Und da geht der Tratsch, da gehen die Gerüchte natürlich rum. Und das war ganz schlimm für die, weil die halt verdächtigt wurden. Und von einem auf den anderen Moment ist diese Bestatterfamilie halt in das absolut negative Licht gerückt worden.
63:56
Und man hat richtig gemerkt, wie sehr sie das noch bewegt hat, als ich mit ihr da gesprochen habe.
64:03
Ja, das ist ja Horror, weil du bist Hauptverdächtiger und ich glaube, selbst wenn in Anführungsstrichen etwas Geringfügigeres jetzt schief gehen würde bei irgendeiner Beerdigung, die du veranstaltest, das ist ja wegen des Themas an sich schon schlimm.
64:17
Genau. Es ist eine Gratwanderung und die Leute sind super sensibel sowieso schon, wenn irgendwas ist. Also das sind teilweise Kleinigkeiten, je nachdem natürlich aus welcher Sicht du siehst. Zum Beispiel ein kleiner Tippfehler.
64:32
Wo man vielleicht erstmal sagen würde, ja okay, mein Gott, das kann jedem mal passieren. Aber für manche Familien ist das das Allerschlimmste. Und jetzt ist das ja kein Tippfehler. Das ist ja ganz, ganz schlimm. Und mit dem Friedhofswärter hatte ich ja vorhin einmal kurz angerissen, hatte ich auch gesprochen. Und für den war das natürlich auch...
64:50
ganz heftig, weil du musst dir vorstellen, der war halt gerade neu dabei und dann zählt man sofort zu den Hauptverdächtigen in diesem Fall, in diesem Dorf Buttenheim, wo sonst ja nichts passiert. Da ist ja nichts. Also ich war da ja, das ist ja wirklich ein Dorf, auch sehr schön. Nebendran sind die Felder und dann steht da dieser Friedhof in der Ortsmitte eingefriedet mit dieser kleinen, echt schönen Kapelle auch eigentlich. Aber ja, dieses Grauen, das zieht schon so noch ein bisschen Die wellen auch teilweise bis heute durch.
65:23
Ich muss dich definitiv häufiger einladen, weil du bringst den eigenen Fall mit und machst auch noch die Recherche. Also das ist großartig. Sehr gerne. Aber ja, was du gerade geschildert hast, das ist auch so, deckt sich mit meinen Recherchen, weil die sind vor Ort alle so ein bisschen verrückt geworden in der Zeit, was man ja auch verstehen kann. Ja. haben wirklich gedacht, da rennen jetzt Satanisten rum und da gab es Gerüchte, dass irgendwer einen Hasen an die Wand geschlagen hat, eine lebende, also wirklich ganz viele crazy Sachen, die dann irgendwie erzählt wurden und ist auch irgendwie nachvollziehbar, weil das ist ja somit das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann.
65:55
Natürlich, natürlich. Wobei man sagen muss, dass die Wahrheit in dem Fall noch viel schrecklicher ist als das, was viele Leute sich vorgestellt haben und da kommen wir jetzt zu.
66:07
Als die Ermittler das verwilderte Grundstück von Hagenmeier näher untersuchen, entdecken sie in einem Wellblechcontainer Ninas Torso, versenkt in einem Wasserbecken. In seiner Vernehmung schildert Hagenmeier, dass er Ninas Leiche zerteilt, Teile davon im Main-Donau-Kanal versenkt und andere Teile mit nach Hause genommen hat, um sich daran zu vergehen. In Mayers Wohnung finden die Ermittler versteckt unter einem Regalbrett mehrere CD-ROMs. Auf den Datenträgern versteckt sich der seelische Abgrund eines Mannes, der nach außen hin ein normales Familienleben führt und als netter Kollege und Vater bekannt ist.
66:44
Mehr als 7000 Fotos von Ninas Leiche, also 7000 Fotos und 1000 weitere Kinder- und Tierpornos finden sich auf den Datenträgern. Dazu mehrere Dokumente, in denen Hagen jedes grausame Detail seiner Fantasie und seiner Taten beschreibt. Statt in Untersuchungshaft wird der 40-Jährige jetzt erstmal, wie es damals noch heißt, Bezirksnervenkrankenhaus Bayreuth, also in eine forensische Psychiatrie eingewiesen. Und hier im Schutz der Klinik beginnt Hagen Mayer über die Dinge zu sprechen, über die er noch nie vorher in seinem Leben gesprochen hat.
67:21
Schon als Kind entwickelt er ein großes Interesse an Anatomie. Als er seinem Vater beim Schlachten von Kaninchen und Hühnern zusieht, ist er besonders von den Innereien der Tiere fasziniert. Er erkundet Organe, besonders den Darm, also das hat es ihm besonders angetan, und er sammelt Gerippe vom Misthaufen des Nachbarn auf, um sie zu behalten.
67:42
Was als kindliche Neugier beginnt, entwickelt sich im Laufe seines Erwachsenenlebens zu einer krankhaften Obsession. Während seiner Vernehmung gesteht Meyer, dass der Raub von Ninas Leiche nicht seine erste Tat dieser Art ist. Als der junge Bauingenieur Anfang 20 ist, bietet sich ihm die erste Gelegenheit. Im Jahr 1981 schlägt er in der Dämmerung das Fenster der Friedhofskapelle im Nachbarort ein, in dem der aufgebahrte Sarg eines Mädchens steht, das bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Er klaut die Leiche und versteckt sie auf dem alten Baugrundstück seines Vaters, auf dem später auch Ninas Überreste gefunden werden.
68:19
Hier zerstückelt Haken die Leiche, vergeht sich an ihr und fotografiert die Innereien der Toten. Dann vergräbt er den Torso auf dem Grundstück. Vier Jahre später kommt Hagenmeier zurück, gräbt die Überreste wieder aus und nimmt Hüft- und Beckenknochen mit nach Hause, um sich daran zu reiben und selbst zu befriedigen. Seine Tat bleibt damals unentdeckt. Wahrscheinlich wurde der leere Sarg des Mädchens vor der Beisetzung nicht mehr geöffnet. Also das ist jetzt meine Vermutung.
68:47
Im November 1985 schlägt Meyer ein weiteres Mal zu. Er bricht in die Leichenhalle des Friedhofs von Buttenheim ein und raubt den Leichnam einer 29-Jährigen. Auch diese Leiche zerstückelt er später in dem Container auf dem abgelegenen Grundstück seines Vaters. Wieder vergeht er sich an den Leichenteil. In den 90er Jahren ebbt Hagens dunkles Verlangen etwas ab. Er heiratet ein zweites Mal, wird Vater von zwei Söhnen und macht in der Firma seines Vaters Karriere als Bauingenieur. In dem Unternehmen ist er als freundlicher Vorgesetzter bekannt.
69:20
So etwas hat keiner von uns gedacht, wird einer seiner Mitarbeiter später sagen. Von Haken Meiers nekrophilen Neigungen ahnt in seinem Umfeld keiner etwas. Er behält seine Fantasien für sich. Mit dem Beginn des Internets findet er zudem einen Ort, an dem er seinen Neigungen grenzenlos nachgehen kann.
69:41
Wird es in seinem Privatleben zu stressig, flüchtet er sich in seine dunkle Fantasiewelt. Die Beamten finden auf seinen CD-ROMs neben den Fotos auch Textdokumente, in denen der Familienvater bis ins Detail schildert, wie eine 14-Jährige entführen, sie ermorden und ausweiden will. Seine Tat plant er bis ins kleinste Detail und beschreibt dabei jeden Schritt. Und er beschreibt auch alles, was er Nina angetan hat, aber ich möchte da jetzt gar nicht so sehr drauf eingehen. Als Meier im November 1999 von dem Zugunglück erfährt, bei dem Nina gestorben ist, sieht er seine Chance gekommen.
70:18
Am 11. November, einem Donnerstag, zwei Tage vor der Beisetzung, macht Hagenmeier sich auf den Weg zum Friedhof von Buttenheim. Hier hat er schon einmal eine Leiche gestohlen, fast 15 Jahre zuvor. Er weiß, was er tun muss. Vorsichtig parkt er sein Auto etwas abseits und geht im Schutz der Abenddämmerung zur Kapelle. Durch ein Fenster erspäht er den weißen Sarg in der Mitte des Raumes. Mit einem Dietrich verschafft er sich Zutritt zur Leichenhalle. Langsam schraubt er den Sarg auf und klaut die Leiche. Im Kofferraum transportiert er Ninas toten Körper zu dem verwilderten Grundstück, wo er ihn zerteilt und im Wasserbecken und in einer Tonne aufbewahrt.
70:56
Die schlimmsten Theorien der Ermittler und der Menschen in Buttenheim werden, das habe ich ja am Anfang schon gesagt, von der Realität noch übertroffen.
71:07
Also man hört das so und denkt sich ja, Wahnsinn, auch wieder wie gestört. Aber ich glaube, und die Sicht will ich jetzt aus meiner Sicht auch nochmal ein bisschen mit einbringen. Ich glaube, man versteht gar nicht so, was der da wirklich gemacht hat im Technischen, weil...
71:26
Ich erkläre es dir, das ist nicht so leicht. Also, weil ein verstorbener Mensch, der hilft nicht mit. Also, das sagt sich so leicht jetzt vielleicht auch und natürlich ist das alles völlig gestört, aber es ist nicht so leicht. Also, du musst diesen Sarg aufmachen und da dann einfach einen verstorbenen Menschen ohne Hebehilfe aus einem Sarg rauszubekommen, allein das ist nicht leicht, wenn du alleine bist. Dann der Transport, ja, Ich mache einen ganz, ganz banalen Vergleich vielleicht.
71:57
Das merkt man, wenn man den Verstorbenen das erste Mal anzieht, dass da halt niemand mithilft. Also es ist wirklich schwer. Und jetzt ist es in dem Fall aber auch so, dass das zum Glück gemerkt wurde durch dieses Öffnen des Sarges, weil in dem Alter so ein junges Mädchen Das hätte auch schief gehen können, weil ich sag mal so, du trägst einen Sarg zu Fürth, ja, vier Sargträger würde ich jetzt mal schätzen in dem Fall. Das Gewicht verteilt sich da super. Jetzt lasst es vielleicht noch einen Eichensarg gewesen sein, das weiß ich persönlich jetzt nicht.
72:27
Das kann untergehen. Das kann, das...
72:30
Du meinst es im Sinne von, das hätte man auch gar nicht bemerken können. Genau, auf den Punkt gebracht.
72:35
Richtig, das hätte auch sein können.
72:37
Ja, und tatsächlich war es auch gar nicht geplant, dass die Eltern ihre Tochter nochmal anschauen vor der Trauerfeier. Das heißt, es ist wirklich ein ganz großer Zufall, dass das überhaupt rauskam und dass das alles ins Rollen gekommen ist. Richtig, und...
72:55
Ja, also zum Glück ist das rausgekommen.
72:57
Ja, ja, voll.
72:58
Also 100 Prozent, weil so wurde halt dieser Fall draus und auch die Ermittlungen, weil wir haben ja gerade schon gehört, wie oft der schon solche Aktionen gemacht hat, ja. Und jetzt stell dir mal vor, die Weichen wären wieder so gestanden an dem Tag. Vielleicht würde der bis heute weitermachen. Das wird man nie wissen, ja.
73:16
Ja. Ehrlicherweise ist davon auszugehen, wenn er das einmal gemacht hat und zweimal gemacht hat und dreimal gemacht hat, wenn du so jemanden nicht stoppst und den nicht therapierst, sofern das möglich ist, dann wird er nicht aufhören. Weil es hat ja keine Konsequenzen. Er hat das ja schon zweimal gemacht, ohne dass es aufgefallen ist.
73:35
Genau, er hat sich schon vielleicht auch daran gewöhnt, auch so ein bisschen fast. Also vielleicht diese Hürde auch, da dann das zu machen, die wird ja von Mal zu Mal für den auch kleiner.
73:45
Absolut. Also wir haben es hier bei Hagenmeier wie bei Kuno Peschel auch wieder mit einem krankhaften Nekrophilen zu tun, mit einem gefährlichen Nekrophilen zu tun. Und vor diesem Hintergrund beginnt dann im Mai 2001 vor der zweiten großen Strafkammer des Landgerichts Bamberg der Prozess gegen Hagenmeier. Der Andrang ist groß, kannst du dir vorstellen. Viele Menschen wollen den Mann sehen, der das Undenkbare getan hat, weil das ist ja so ungefähr... Das Böseste, was man sich irgendwie vorstellen kann. Mehr als anderthalb Jahre haben Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelt.
74:19
Für den Prozess sind nur drei Tage angesetzt. Meier wird Störung der Totenruhe vorgeworfen und er wird auch angeklagt für die Kinderpornos, die man bei ihm gefunden hat. Auch Ninas Eltern sind gekommen. Sie und all die anderen im Saal werden in diesem Prozess furchtbare Details zu hören bekommen. Direkt am ersten Prozestag lässt Hakenmeier seine Anwältin eine Erklärung verlesen, in der er die Tat zugibt. Selbst will er sich zu den Details nicht äußern, wie es in der Erklärung heißt. Eine weitergehende Erklärung abzugeben, sehe ich mich nicht in der Lage.
74:54
Zitat Ende. Und so erfahren die Menschen in dem Gerichtssaal all die furchtbaren Einzelheiten aus der Anklageschrift und den Aussagen der Zeugen. Es wird ausgeführt, wie Hagen sich an der Leiche vergeht, wie er sie zerteilt und wie er während des Ausweidens Fotos von ihr macht. Auch die verstörenden Fantasien des Vaters von zwei Kindern, die er selbst aufgeschrieben hat, kommen in dem Prozess zur Sprache. So träumt Meyer laut seinen eigenen Notizen davon, junge Mädchen zu Tode zu quälen, um sie dann zu missbrauchen.
75:25
Häufig ist es nur schwer zu ertragen, was hier besprochen wird. Selbst der Richter ringt immer wieder mit den richtigen Worten und sagt, ich habe Schwierigkeiten, das Geschehene zu formulieren.
75:36
Der Gutachter, der zum Ende des Prozesses spricht, beschreibt Haken Meier als einen hochintelligenten, aber ängstlichen und unscheinbaren Typ, der leicht zu beeindrucken sei. Aus dem hohen Interesse an Anatomie habe sie schließlich seine Nekrophilie entwickelt, der sich Meier voll bewusst sei. Laut dem Gutachten weiß der Angeklagte genau, dass seine Taten falsch sind, kann aber seine Neigung nicht vollständig kontrollieren. Laut Gutachten leidet der mittlerweile 42-Jährige an einer schweren und lang andauernden Persönlichkeitsstörung.
76:09
Wenn diese nicht behandelt wird, könnte Meyer weitere Taten dieser Art begehen und sogar lebenden Menschen, vor allem jungen Mädchen, Schaden zu fügen.
76:18
Das Urteil gegen Hagen Mayer fällt am 10. Mai 2001. Wegen Störung der Totenruhe und dem Besitz von Kinderpornos wird er zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Eine Schuldunfähigkeit schließt das Gericht zwar aus, doch Mayers psychische Störung und sein Geständnis werden in dem Urteil berücksichtigt. Außerdem wird der 42-Jährige auf unbestimmte Zeit in der forensischen Psychiatrie untergebracht, um die Allgemeinheit vor ihm zu schützen. Meier selbst nimmt das Urteil scheinbar emotionslos auf.
76:51
Kurz vorher hatte er sich noch entspannt fast schon fröhlich gezeigt. Mit einer Jute-Tasche über die Schulter stiefelt er an diesem Morgen, also am Morgen der Urteilsverkündung, in den Saal und durchbricht die angespannte Stille mit einem lauten Guten Morgen.
77:05
Selbst der Vorsitzende Richter scheint mit dem Strafmaß an diesem Tag unzufrieden. Die Höchststrafe von drei Jahren bei Störung der Totenruhe werde dieser grausamen Tat nicht gerecht, erklärt der Vorsitzende und ergänzt, hätte er einen Kerzenleuchter für 150 Mark gestohlen, hätte das Strafmaß bis zu zehn Jahren betragen. Und das ist schon selten, dass ein Richter das selber sagt, aber ehrlich gesagt, wir fühlen das glaube ich alle in diesem Moment.
77:30
Ja, 100 Prozent. Also dieser Kerzenleuchter, der ist für mich so ein sehr gutes Beispiel, um ehrlich zu sein. Weil das ist genau das, was ich vorhin ja so ein bisschen angerissen hatte. Es gibt Störungen der Totenruhe, aber das war es dann halt auch. Und ich weiß nicht...
77:48
Ich stelle mir gerade so eine Waage vor und auf die eine Seite musst du emotional das packen, was der angerichtet hat, was der der Familie zugefügt hat, dem Ort. Der Schaden, der ist ja riesig. Also du kriegst diese Schadenseite, da ist die Waage auf Anschlag, da brauchen wir nicht drüber diskutieren. Und dann ist auf der rechten Seite ist dann diese Gerichtsverhandlung und dann steht da dieses Gesetz und... Dann legst du halt, weiß ich nicht, so einen Zwei-Kilo-Stein drauf und das war's. Und das steht für mich persönlich in keiner Relation.
78:20
Also das finde ich schon heftig.
78:24
Ja, wenn du überlegst, was jetzt unter Störung der Totenruhe zusammengefasst ist, also was da alles drunter fällt. Das ist ja, keine Ahnung, wenn ich irgendwie mit Lippenstift auf den Grabstein male, womit ich nicht sagen will, dass das cool ist. Aber das ist da drin eingefasst, genau wie das, was er mit Nina gemacht hat.
78:41
Genau, das steht daneben. Die beiden Taten, die du gerade vergleichst, das ist übrigens, ich finde den Vergleich gar nicht mal so schlecht, auch wenn es mit dem Lippenstift natürlich Quatsch ist, aber das kann man mal gut hernehmen. Die beiden Taten, die stehen nebeneinander unter diesem Dach von Störung der Totenruhe. Also das hört sich so ein bisschen surreal für mich an irgendwie, ja.
79:02
Ja, also vielleicht als Erklärung sozusagen juristisch gesehen ist eine Leiche, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ja also nicht eben zu behandeln wie ein Mensch logischerweise, sonst hätten wir ja andere Strafen, sondern die ist eine Sache.
79:17
Richtig, richtig. Rechtlich fällt ein Verstorbener oder halt eine Leiche unter dem Begriff der Sache. Und es ist im Übrigen auch niemandem das Eigentum. Also du kannst niemals Eigentümer von einer Leiche sein. Der kann die klauen. Ja, in dem Moment ist er Besitzer, kann er schon sein, aber rechtlich gesehen Eigentümer kann er nicht sein, weil eine Leiche gehört niemandem. Und deswegen ist ein Diebstahl in diesem Sinne auch nicht direkt möglich. Ach,
79:47
Klar, okay.
79:49
Aber wem gehört denn jetzt ein Verstorbener? Niemandem? Es ist ganz klar so geregelt, das steht tatsächlich auch genauso drin, niemandem das Eigentum. Und deswegen ist es so schwammig.
80:01
Ja, aber das führt ja auch jetzt dazu, wenn jetzt sozusagen Streit entsteht, keine Ahnung, wo soll Oma beerdigt werden? Ich sag da und der andere Teil der Familie sagt da, oder? Ja.
80:14
Nee, nicht ganz. Das ist wieder was anderes, weil du kannst natürlich als Angehöriger trotzdem Verfügungen treffen. Du bist bestattungspflichtig und darfst auch entscheiden, wie es weitergeht. Aber trotzdem gehört dir der Körper von der Oma, wenn sie verstorben ist, nicht. Du bist nicht der Eigentümer. Du kannst schon sagen, okay, Friedhof A, Friedhof B oder... Feuerbestattung, Erdbestattung. Aber deswegen ist es rechtlich auch so ein bisschen tricky. Das ist schon so. Und warum ist das so tricky?
80:46
Also zum einen sind die Gesetze natürlich sehr alt, aber zum anderen sind das natürlich, so schlimm diese Fälle sind, trotzdem...
80:55
Unfassbar seltene Fälle, wenn man jetzt auf das gesamte Strafrecht schaut, dann steht das natürlich auf der Liste von Anzahl der Verbrechen oder so steht das jetzt natürlich nicht so weit oben und ich könnte mir vorstellen, dass es deswegen halt auch nicht ganz so detailliert bis zum Schluss durchgekaut ist, aber es ist, also man sieht ja an diesen beiden Fällen, was dann daraus entsteht, ja.
81:19
Ja, also da könnte der Gesetzgeber durchaus nochmal ein bisschen nachschärfen und nachpräzisieren, aber du hast recht, genau das wird der Grund sein. Sowas passiert glücklicherweise nur sehr, sehr, sehr selten. Was ich aber gut finde, ist, dass der Richter das selbst aufgegriffen hat in seiner Urteilsbegründung, selbst gesagt hat, ey, ich würde auch gerne ein anderes Urteil sprechen, kann ich aber juristisch nicht. Ja. Und was ich auch gut finde, er hat auch immer wieder an das Leid von Ninas Familie erinnert und hat zum Beispiel gesagt, die Angehörigen haben ein Recht darauf, Tote so in Erinnerung behalten zu können, wie sie waren.
81:53
Und für die Familie, also für Ninas Mutter und auch für den Rest der Familie, ist dieses Urteil besonders schwer zu begreifen, auch wenn man jetzt von juristischer Seite sagen muss, da wäre gar keine härtere Strafe möglich gewesen. Linas Mutter kann seit der Tat nicht mehr arbeiten, leidet an Depressionen und Angstzuständen und ist in psychologischer Behandlung. Aber auch die Familie von Hagen-Meyer und das darf man an dieser Stelle auch nicht vergessen, auch die Familien von Tätern werden durch sowas oft mitgeschädigt.
82:25
Seine Ehefrau hat sich noch vor Prozessbeginn scheiden lassen. Auch sie muss therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Also ich habe nicht rausfinden können, wie alt die Kinder sind, die beiden Söhne von ihm. Aber stell dir das mal vor, das geht rum, dass dein Vater sowas gemacht hat.
82:43
Nach dem Urteil kehrt in dem kleinen Dörfchen Buttenheim und in den umliegenden Orten langsam wieder Ruhe ein. Kaum jemand will hier noch über dieses grausame Verbrechen sprechen und doch bleibt da die Angst, dass selbst die Totenruhe nicht für immer ist.
83:01
Ja, also ich kann die Angst schon auch in gewisser Weise nachvollziehen, weil auf der einen Seite steht natürlich diese super hohe Unwahrscheinlichkeit dieses Falles, aber sag das jetzt mal dem Betroffenen, sag das mal dem Friedhofswärter, der hat das einmal erlebt und dann ist automatisch gespeichert, Das ist mir passiert und diese Angst, ich glaube, das ist ganz, ganz schwierig, damit auch umgehen zu können. Du hast auch gerade die Familien angesprochen, 100 Prozent.
83:34
Ja, das ist glaube ich so und selbst wenn man vom Verstand her weiß, dass das eben nur sehr selten passiert, wirst du das ja jetzt vielleicht auch das nächste Mal, wenn du einen Sarg zuschraubst, denken so, ah, vielleicht kommt irgendwer und schraubt den wieder auf.
83:49
Ja, ich habe mich da natürlich auf dem Friedhof selber dann so ein bisschen erwischt. Also dieses mulmige Gefühl, von dem ich vorhin sprach, natürlich wusste ich, das wird jetzt nicht passieren heute. Aber du weißt, dass es tatsächlich schon mal so gewesen ist und da guckt man dann vielleicht noch einmal mehr nochmal über die Schulter in Richtung Tür der Friedhofshalle.
84:10
Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich finde es total spannend, wenn man dich so reden hört und wenn man dich kennenlernt. Du bist so ein wahnsinnig offener und irgendwie auch fröhlicher Mensch. Du strahlst ganz oft beim Reden und das kriegt man ja irgendwie nicht so zusammen mit jemandem, der jeden Tag mit dem Tod zu tun hat. Also was würdest du sagen, also wie machst du das?
84:34
Ich glaube, das ist gerade der Knackpunkt.
84:37
Ja, würde ich schon sagen. Also man bekommt als Bestatter halt wirklich so viel Scheiße mit. Ich sage das jetzt einfach mal so oft. Man bekommt so viel heftige Sachen mit und lernt, glaube ich, dadurch auch das Leben ganz anders zu schätzen, weil du weißt ganz genau, dass das nicht selbstverständlich ist. Und ich finde, das ist so eine Floskel. Genieß das Leben. Also ja, da gähnen vielleicht manche. Kann ich auch verstehen. Erwische ich mich manchmal selbst auch dabei. Aber als Bestatter bekommst du mit, ist nicht so.
85:09
Es ist nicht so. Es ist einfach cool, wenn man gesund ist, wenn man eine Familie hat, weil du hast Familien vor dir sitzen, die haben das von jetzt auf gleich einfach verloren. Und ich glaube, das ist vielleicht so ein bisschen...
85:23
Ja, das Geheimnis, es ist gar kein Geheimnis, aber das, was du gerade beschrieben hast, das ist, das würde ich schon sagen, dass das auf jeden Fall einen Unterschied macht.
85:32
Na, das ist spannend, weil da haben wir eine absolute Gemeinsamkeit, weil die Leute bei meinem Job auch immer davon ausgehen, dass ich irgendwie ein ganz... ... schwermütiger Mensch sein muss, was ich auch manchmal bin, gar keine Frage, aber die sagen immer, Mensch, aber wie kannst du denn schlafen und wie denkst du denn, blickst du nicht ganz negativ auf das Leben und das ist eher so im Gegenteil, weil ich denke, gerade weil ich weiß, wie schnell das vorbei sein kann, auch ich vergesse das manchmal, auch ich denke manchmal morgens, keine Ahnung, die Haare liegen scheiße und reg mich über Kleinigkeiten auf... Aber dann beschäftige ich mich mit solchen Fällen, spreche über diese beiden jungen Mädchen jetzt in dem Fall, die so früh aus dem Leben gerissen worden sind und dann merke ich wieder so, ey, ich bin verdammt dankbar dafür, dass ich jeden Morgen aufstehen darf.
86:15
Ja, das ist super, super wichtig, was du da sagst. Und genau so ist es. Also das sind genau die Sachen, die ich auch immer mitbekomme. Wie man nachts schlafen kann, wie ich da ohne Albträume jeden Früh aufstehen kann. Und warum ich jetzt da so, du bist ja ganz normal eigentlich. Ja, danke. Aber...
86:34
Aber genau das ist ja der Punkt. Und ich glaube, die Kunst an dieser Floskel ist, ich versuche jetzt mal zu entfloskeln, genießt das Leben in Kombination mit schlimmen Dingen, die man erlebt hat. Weil diese ganzen Selbstverständlichkeiten, die sind doch nur so lange selbstverständlich, bis sie mal temporär weg sind. Es ist normal, dass man jeden Tag gesund aufsteht, ohne Husten, ohne Kopfschmerzen. Für die meisten zumindest. Gewöhnst du dich dran. Auf einmal kommt die Krankheit und die Prioritäten verschieben sich.
87:07
Auf einmal ist dein größtes Problem, wieder gesund zu werden. Das Problem beim Tod ist aber doch, wenn der im Spiel ist, dann wird diese Selbstverständlichkeit wenn sie mal kurz weg ist, nie wieder zurückkehren. Anders wie bei einer Krankheit, wo man vielleicht wieder gesund wird. Und ich glaube, dass auch jetzt zum Beispiel du mit deinen Themen oder auch ich, wir beschäftigen uns ja mit diesen Nicht-Selbstverständlichkeiten. Und ich glaube, das ist der Knackpunkt, warum wir dann doch vielleicht ganz fröhlich sind, obwohl die Themen es nicht sind.
87:35
Voll spannend. So habe ich es noch nicht betrachtet, aber du hast garantiert recht mit dem, was du sagst. Abgesehen jetzt davon, dass die Leute überrascht sind, dass du ein normaler Mensch bist, wenn sie dich kennenlernen. Was würdest du sagen, was ist das größte Missverständnis über deinen Job, also über den Job des Bestatters?
87:52
Hm, das ist eine ganz spannende Frage. Ich glaube, ich könnte da gar nicht so eines festmachen. Ich merke halt ganz viel, dass die Leute nicht so viel Bescheid wissen. Und wenn man dann Dinge aufklärt, wie du kannst übrigens aus der Asche einen Edelstein machen oder kannst dir einen Fingerabdruck tätowieren lassen, dann werden dir Augen groß, weil das weiß man nicht. Wobei doch ein Missverständnis, wenn ich es jetzt mal kurz auf den Punkt bringen soll, fällt mir schon ein. Ich lese ganz oft, also wenn ich mal sterbe, soll es so und so passieren. Das kommt in mein Testament.
88:23
Ja, weil dann ist ja alles klar. Und das ist das größte Missverständnis, weil an dem Zeitpunkt, wo das Testament geöffnet wird, ist man entweder schon Asche in der Urne oder tief unter der Erde. Viel zu spät.
88:38
Ach, guck mal, das wusste ich auch nicht. Das heißt, ich muss nochmal vorher eine Wunschliste für die Beerdigung machen.
88:46
Richtig, also entweder gibst du die Wunschliste wem auch immer in die Hand und dass die Person das halt dann in deinem Sinne durchführt. Die einzige Möglichkeit, um zu 100% sicher zu gehen, dass wirklich genau das mit dir selbst nach dem Tod passiert, wie du es dir vorstellst, ist eine Vorsorge bei dem Bestattungsinstitut deiner Wahl. Weil da legst du alles fest und erteilst denen quasi schon den Auftrag, du bist dann der Auftraggeber, wenn ich tot, dann das, so. Ja, klar. Und ich lese das so oft mit dem Testament und ich denke mir immer so, ja, ich verstehe auch, woher man kommt, ja, aber das ist tatsächlich ein sehr großes Missverständnis, um die Frage ganz kurz und prägnant zu beantworten.
89:26
Aber richtig gut, das wusste ich tatsächlich auch nicht, aber ist ja logisch, weil Testamente werden oft irgendwie Wochen nach dem Tod eröffnet. Klar, da ist man meistens schon beerdigt. Richtig. Also am besten schon mal irgendwie Probeliegen dann beim Bestatter des Vertrauens. Sagst du schon mal?
89:42
Ja, ich lag schon mal in einem Sarg, aber nicht bei einem Bestatter.
89:46
Oh, okay. Ja, also mehr darf ich dazu jetzt an dieser Stelle noch nicht verraten, aber vielleicht könnt ihr euch das ja bald bei RTL angucken. Ich verstehe. Okay, okay, okay. Gut. Ich kann auf jeden Fall sagen, das ist ein sehr beklemmendes Gefühl, wenn sich der Sargdeckel über dir schließt. Oder es war einfach ein sehr kleiner Sarg, weil gefühlt war der Sargdeckel so drei Zentimeter vor meiner Nase und das war dann schon so, wo ich gedacht habe... Jetzt nicht zu schnell atmen, weil dafür ist ja auch nicht gedacht, dass man im Sarg liegt und atmet, aber in meinem Fall war es halt so.
90:21
Ja, richtig. Ja, es ist schon sehr, sehr einengend. Da ist man doch dann immer wieder überrascht. Ich lag natürlich auch schon im einen oder anderen Sarg drin, das ist ja ganz klar. Aber wenn dann so die Luke zugeht und dann hört es sich auch anders an, wenn man redet, dann ist es halt echt eingeengt, ne? Ja.
90:38
Das war schon eine krasse Erfahrung irgendwie. Also ja, deswegen bin der Dundead. Wir sind schon am Ende der Folge angekommen, Luis. Und da eigentlich bei der Frage, die ich all meinen Gästen stelle, die das erste Mal hier im Podcast sind. Was glaubst du fasziniert die Menschen so sehr an Verbrechen?
90:59
Oh, okay. Das ist eine sehr spannende Frage. Also ich könnte mir vorstellen, dass die Menschen von diesem Abnormalen fasziniert sind, von diesem Aus-der-Reihe-Tanzen.
91:13
Ja, die Welt dreht sich immer schneller, man bekommt ganz viele Dinge mit, man ist im Alltag irgendwie und dann passiert sowas. Was ja so unwahrscheinlich ist. Das hat man ja in diesen zwei Fällen wieder gemerkt. Und dann glaubst du, das wäre es gewesen. Und dann kommt noch dieses Detail und dieses. Und die Kinnlade klappt immer weiter nach unten. Und ich glaube, dieses Ding von, was man nicht für möglich hält, das passiert halt manchmal dann doch. Und ich glaube, die Kombi, die löst bei vielen so ein Interesse, so eine Neugierde aus.
91:43
Aber ich glaube auch so ein gewisses...
91:46
mit reinfühlen in diese Situation. Wenn man selber nicht betroffen ist, natürlich.
91:52
Ja, ich glaube, das macht auch das, was du so machst, so erfolgreich, weil es eben was Ungewöhnliches ist. Und gerade die Auseinandersetzung mit Tod ist ja in unserer Gesellschaft nicht so wirklich...
92:03
Teil des Ganzen, man mag da nicht gerne drüber sprechen und ich glaube, die Leute, die das dann tun in der einen oder anderen Form, die fallen dann natürlich auf. Jetzt ist mir gerade eingefallen, dass ich doch noch eine Frage an dich habe, die jetzt gerade ganz spontan kam. Musst du sagen, ob sie dir zu persönlich ist? Hast du Angst vor dem Tod?
92:22
Also vor dem Tod an sich würde ich sagen, nein. Ich glaube, wovor ich eher Angst habe, wenn ich mal so in mich reinhöre, ist der Prozess davor. Also Mein Uropa ist vor einem halben Jahr gestorben ungefähr und der war 95 und das war dann auch alles in Ordnung, der durfte dann auch gehen. Klar, trotzdem traurig, aber der hat für mich so einen Bilderbuch-Tod gehabt und das muss ich vielleicht kurz erklären, verstehe ich, wenn es sich erstmal komisch anhört.
92:57
Der ist zu Hause gestorben. Die ganze Familie war die ganze Zeit bei ihm. Der war Bauer. Auf seinem Bauernhof war er dann da, ja. Und der ist dann mit 95 einfach irgendwann in seinem Bett eingeschlafen. Er hat sich auch so eine Sekunde rausgesucht, wo es dann ganz alleine und im Stillen, ja. Und natürlich war das traurig. Und ich habe auch selber die Bestattung gemacht und habe ihn auch selbst gewaschen. Aber da habe ich mir dann gedacht, ey, so will ich auch mal sterben und nicht...
93:25
Im Krankenhaus angeschlossen an Schläuche, vielleicht mit irgendeiner Krankheit oder sowas. Und ich glaube, eine Angst hätte ich, wenn dann, davor. Aber vor dem Tod und vor dem, was danach kommt, du, ey, keine Ahnung, dann bin ich nicht mehr da. Das ist dann halt so.
93:40
Spannend. Also ich kann das komplett nachvollziehen. Also diese Angst vor Krankheit und Schmerz auf jeden Fall. Ich glaube, das möchte niemand. Aber Stand jetzt denke ich so, und das wird dir wahrscheinlich eh nicht gehen, ich habe noch ziemlich viel vor in meinem Leben. Ich möchte noch ein paar Sachen machen.
93:54
Also wir haben es oft nicht in der Hand, aber es wäre schön, wenn es noch ein bisschen weitergehen würde.
93:59
Genau, auf jeden Fall. Es wäre schön, wenn es weitergehen würde und in den allermeisten Fällen tut es das zum Glück ja auch, muss man ja auch mal dazu sagen. Und ich glaube, der Trick ist eher darauf, dann halt den Fokus zu setzen und dann halt auch Dinge vielleicht auch ganz bewusst zu tun, wenn man die Möglichkeit dazu hat, ganz egal, sei das ein Hobby oder irgendwas, was einem Spaß macht und sich dabei dann zu denken, ey, Ja, vielleicht sterben wir an irgendeinem Tag, ja, aber an allen anderen halt nicht und das ist doch cool.
94:28
Wow, jetzt war es aber am Ende der Folge nochmal richtig philosophisch. Was für ein schöner Satz. Ja, wir sterben sicher eines Tages, aber an den anderen Tagen sterben wir eben nicht. Da muss ich jetzt noch ein bisschen drüber nachdenken. Danke dafür. Selber heute wieder viel gelernt und ich sage es ja immer wieder, das liebe ich an diesem Podcast. Ich liebe es immer mit anderen Leuten zu quatschen und jedes Mal was mitzunehmen und ich glaube, wir alle können aus der Folge heute einiges mitnehmen. Viel gelernt. Danke Luis.
94:54
Ja, ich danke dir auch. Es hat mir großen Spaß gemacht, mit dir über die Fälle zu reden und sich da ein bisschen reinzudenken. Und ja, war mir eine Ehre. Bis ganz bald, würde ich sagen. Das würde ich auch sagen. Hoffentlich lebendig. Genau, hoffentlich bis dahin lebendig.
95:12
Ciao, ciao, Luis. Ciao. Tschüss. Verbrechen von nebenan. True Crime aus der Nachbarschaft.
95:24
Mehr Infos und Fotos zu unseren Fällen findet ihr auf unserer Facebook- und unserer Instagram-Seite.
95:40
Ich bin ich Shannon Maldonado. Ich bin die Führung der Yawi, eine Läge von Souvenirs mit Artikeln und Artikeln und Artikeln und Artikeln und Artikeln. Ich bin ich die Shopify, weil ich, nachdem ich andere Plattformen herausgefunden habe, war eine der mehr intuitivsten. Für mich war es wichtig, wo wir in dem Zukunft sind. Alle die Filamenten für Analyse für Analyse, wie die Analyse für Analyse, wie die Analyse für Analyse, in unserem Dashboard. Beginne deine Analyse auf www.shopify.com.
96:09
Und jetzt geht's weiter mit der Folge.